Die Lage in den USA ist nicht auf Deutschland übertragbar

Griff nach der Macht #4: Charismatische Christen geraten hierzulande unter Generalverdacht. Dabei gibt es keine Netzwerke mit politischer Agenda wie in den USA.

Seit Donald Trumps erster Amtszeit als US-Präsident nehmen zwei Strömungen unter amerikanischen Christen immer mehr an Fahrt auf: ein christlicher Nationalismus und eine apostolisch-prophetische Bewegung, die oft verkürzt mit dem Schlagwort „New Apostolic Reformation“ bezeichnet wird. Beide sind nicht identisch, aber eng miteinander verknüpft. Beiden liegt eine hoch problematische Theologie zugrunde und ein verqueres Verständnis dessen, was das „Reich Gottes“ meint, von dem Jesus im Neuen Testament spricht: Christen sollen an Schlüsselpositionen in Gesellschaft und Politik Macht erlangen und ausüben und den vermeintlichen „Willen Gottes“ „top-down“, also von oben nach unten durchsetzen, zur Not auch mit Gewalt. Diese demokratiefeindlichen Vorstellungen setzen innerhalb der unabhängigen charismatischen Bewegung in den USA Trends, die uns in der GGE Deutschland als ebenfalls charismatischer Bewegung mit großer Sorge erfüllen. Deshalb widmen wir dem Thema eine mehrteilige Reihe auf unserem Blog. Wie wir als GGE das Reich Gottes verstehen, lest ihr hier.

Eva Heuser spricht dazu mit Manfred Schmidt und Tillmann Krüger.
Manfred Schmidt ist ev. Theologe, Seminarleiter und Autor und gehört zum Leitungskreis der GGE Deutschland.
Dr. Tillmann Krüger ist Pastor der Braunschweiger Friedenskirche und Teil des Leitungskreises der Geistlichen Gemeindeerneuerung im BEFG (Baptisten).
Beide haben enge Berührungspunkte mit unserem Thema.

Dr. Tillmann Krüger und Manfred Schmidt

Heute in Teil 4: Auswirkungen, mit denen wir in Deutschland zu tun haben.

In den Teilen 1-3 war Bob Griffing als US-Amerikaner und im charismatischen Spektrum beheimateter Christ unser Gesprächspartner, zu lesen hier: Teil 1 – Bobs Sorge um die Mitchristen in den USA, Teil 2 – Einflüsse und Akteure in den USA,Teil 3 – was wir dem problematischem Bibel-Verständnis entgegenhalten können. Im 5. und letzten Teil am 2. April lest ihr, wie wir in Deutschland konkret reagieren können. 

Das „Reich Gottes“ soll nach der Vorstellung US-amerikanischer Christen um Trump die Gestalt eines politischen Reiches annehmen. Ist dieses im Ergebnis demokratiefeindliche Denken nur in den USA ein Problem, aufgrund ihrer Geschichte und Prägung? Oder schwappt davon auch etwas nach Deutschland?

Tillmann: Dass etwas davon zu uns herüberschwappt, das haben wir natürlich schon. Auch bei uns pushen manche Christen den Dienst von Aposteln und Propheten. Und auch den Traum, dass das Christliche wieder mehr Raum gewinnt, träumen manche in Deutschland. Doch um all das geht es in der Debatte nicht. Wir dürfen das Reich Gottes nicht in weltliche Begriffe fassen, das ist der Punkt. Sobald wir das tun, wird es schwierig. Mir hat Bob Griffings Anregung gefallen, dass wir als Christen in Deutschland doch umgekehrt einen Einfluss in Richtung USA ausüben könnten – dort, wo es möglich ist. Ich höre von Mitchristen allerdings immer wieder die Frage, „was mischen wir uns da ein?“ Das halte ich für eine Katastrophe. Hätte sich Dietrich Bonhoeffer im „Dritten Reich“ etwa auch nicht einmischen sollen?

Kurz zum Hintergrund: In den USA wird derzeit der „apostolische Dienst“, den das Neue Testament als Teil einer Reihe von geistlichen Diensten in der Gemeinde benennt, überhöht und Statements von „Aposteln“ und „Propheten“ von vielen nicht mehr geprüft. Zum Prüfen durch die Gemeinde aber ruft uns die Bibel auf. Diese geistlich Leitenden stehen zum größten Teil hinter Trump, haben auch politisch großen Einfluss und propagieren die USA als „christliche Nation“. Tillmann, Du bist im Leitungskreis der Geistlichen Gemeindeerneuerung im BEFG. Im vergangenen Jahr hat es aus Euren Reihen heraus einen „Apostolischen Kongress“ gegeben. Wie wird der „apostolische Dienst“ denn da gegenüber dem Wirken von „Aposteln“ in den USA abgegrenzt? Klingt ähnlich, aber gemeint ist nicht dasselbe.

Tillmann: Stefan Vatter als Initiator träumt davon, dass Christen in verschiedenen Gesellschaftsbereichen Relevanz entfalten, als Dienst an und zum Wohl der gesamten Gesellschaft. Es geht nicht um „Herrschaftsansprüche“ wie bei der „New Apostolic Reformation“ in den USA oder darum, anderen etwas aufzuzwingen. Dass Christen aber positiv Einfluss nehmen, diesen Ruf gibt es seit vielen Jahren auch aus der Politik. Volker Kauder zum Beispiel hat beim pfingsten21-Kongress in Würzburg 2016 sehr deutlich gesagt, dass wir Gott in der Gleichung brauchen. Es gibt Themen in der Gesellschaft, wo große Ohnmacht und Hilflosigkeit herrschen. Da kann der Heilige Geist eine große Hilfe sein. Das aber ist ein ganz anderes Verständnis und kann mit der „New Apostolic Reformation“ in den USA nicht in einen Topf geworfen werden.

Manfred: Ich habe mit den Begriffen „Apostel“ und „Prophet“, wie sie nun schon seit Jahren verwendet werden, Schwierigkeiten. Sehr viele Christen stellen dann einen Bezug zu den neutestamentlichen Aposteln her und das bedeutet schnell, dass die Leute, die sich heute als „Apostel“ bezeichnen, in deren Wahrnehmung kurz hinter Paulus oder Petrus kommen.

Und das lässt diese „Apostel“ quasi „unfehlbar“ erscheinen?

Manfred: Das sehen wir ja in den USA, wenn die Botschaften der Apostel und Propheten gar nicht mehr hinterfragt werden. Das wird dort natürlich noch durch die „Latter Rain“-Theologie [der „Spätregen“ (z.B. nach Hosea, Kap. 6, V. 1-3 als geistliche Erweckung, die in die Wiederherstellung der Kirche und die Wiederkunft Christi münde; Anm. d. Red.] aus den 1950er-Jahren begünstigt, nach der die Kirche der Endzeit von Aposteln und Propheten geleitet werde, die von Gott souverän eingesetzt seien. Die lösen alle anderen Strukturen ab und sind auch nicht mehr hinterfragbar.

Tillmann: DerApostel-Begriff beinhaltet ja auch mindestens eine regionale, wenn nicht nationale Reichweite. Dazu kommt, dass in der pfingstlichen Theologie durchaus viel hierarchisches Denken steckt – nichts gegen unsere Glaubensgeschwister aus der Pfingstbewegung! Aber das Thema „Unterordnung unter Leiterschaft“ spielt dort eine größere Rolle als bei uns Charismatikern. Das befördert eine Überhöhung der „Apostel“, weil der Apostel noch über dem Pastor oder Gemeindeleiter oder Missionar steht. Und dann ist die Frage: Unter wessen Kontrolle steht eigentlich der Apostel?

Per Social Media ist eine Reichweite potenziell global. Aber auf welchen anderen Wegen nehmen wir eine „schiefe Theologie“ in Deutschland möglicherweise undifferenziert auf? Über die in Deutschland sehr einflussreiche US-amerikanische Worship-Kultur vielleicht? Allerdings: Wie viel an einem falschen Reich-Gottes-Verständnis ließe sich denn schon in einem Worship-Song transportieren …

Manfred: Es ist vielleicht weniger der einzelne Worship-Song als die Worship-Kultur insgesamt. US-amerikanische Worship-Bands spielen in Deutschland eine große Rolle – sie sind nicht mit der apostolisch-prophetischen Bewegung in den USA gleichzusetzen, aber es gibt durchaus Überschneidungen. Mit Worship, der an sich überhaupt nicht manipulativ aufgebaut ist, gehen für Menschen tiefgehende Erlebnisse einher: Menschen bekehren sich, sind erfasst und berührt vom Geist Gottes … Und gerade weil diese Erfahrungen so authentisch und echt sind, ist der Schritt schnell gemacht, dann auch das damit möglicherweise verknüpfte theologische Gedankengut der „Apostel“ und „Propheten“ ungeprüft und undifferenziert zu übernehmen. Ich fürchte, dass das in manchen Gruppen in Deutschland geschieht. Noch schwieriger wird die Lage, weil auch säkulare Medien zunehmend Beziehungen zwischen charismatischen Christen in Deutschland und den USA herstellen und sehr kritisch betrachten – ob nun zu Recht oder zu Unrecht. Bei uns wird meistens nicht von „Aposteln“, sondern vorsichtiger vom „apostolischen Dienst“ gesprochen und das meint ja – wie du sagtest, Tillmann – ganz allgemein initiative Christen, die etwas aufbauen, beraten und übergemeindlich Ansehen genießen. Das ist an sich etwas Gutes.  

Tillmann: Meine These und Hoffnung ist, dass wir in Deutschland immuner sind gegenüber dem Auftreten einflussreicher „Apostel“ und politischem Machtstreben. Wir haben nicht den geschichtlichen Hintergrund wie in Amerika, wo ein christlicher Nationalismus von der puritanischen Zeit her bis heute eine Ausprägung hat. Und wir haben nicht die Masse: Wenn mehr als 80 Prozent der evangelikalen Christen in den USA republikanisch wählen, ist das eine Hausnummer. Wer die bedient, hat schon den halben Wahlsieg. Diese Situation haben wir bei uns ja nicht. Unabhängig davon, ob man gläubig ist oder nicht, haben wir aber allgemein einen starken Rechtsruck – wobei man auch mal theologisch-geistlich fragen könnte, was sich mit einer politisch linken oder rechten Haltung eigentlich verbindet. Welche Sehnsüchte, welche Ideen, welcher Frust, welche Enttäuschung? Und was wäre die Antwort des Christentums, was die „Reich-Gottes-Antwort“ darauf? Das sollte man diskutieren.

Manfred: Ich hoffe, dass wir da immuner sind … Meine Beschäftigung mit den Hintergründen in den USA in den letzten Monaten hat mir aber gezeigt, dass dort spätestens seit den Zeiten von George Bush senior ein massiver Kulturkrieg zugange ist. Christen dort erleben sich aufgrund ihrer Überzeugungen ins Eck gedrückt, marginalisiert, werden als „bigott“, „illiberal“ oder „rechtsextrem“ verschrien. Solche Erfahrungen machen wir in Deutschland doch auch. Gesellschaftlich sind wir plötzlich Außenseiter, gelten nicht mehr als „stubenrein“ und unsere Sichtweise darf niedergebuht werden. Wenn unsere ethischen Positionen vom sogenannten „Mainstream“ der Medien abweichen, werden wir vom Diskurs ausgeschlossen und als Extremisten hingestellt. Da kocht auch bei uns hierzulande einiges hoch.

Tillmann, Du bist auch einer der Sprecher des Christlichen Convent Deutschland (CCD), einem ökumenischen Begegnungsforum für christliche Leitende. Die Hannoversche Landeskirche hatte dich im November eingeladen, zum Thema unserer Interviewreihe Stellung zu beziehen. Nur warst du da gewissermaßen „Verteidiger des Angeklagten“. Worum ging es?  

Tillmann: Eingeladen waren auch die Weltanschauungsbeauftragen der Hannoverschen Landeskirche, der Arbeitskreis Christlicher Kirchen Niedersachsen und die evangelische Theologin Maria Hinsenkamp. Als einer der CCD-Sprecher sollte ich eine Replik geben auf ihre Dissertation zu „unabhängigen charismatischen Netzwerken“, in der sie in die USA blickt, aber auch direkte Verbindungen zu Deutschland zieht.

Sie nennt darin den CCD, Johannes Hartl und das Gebetshaus Augsburg, die GGE Deutschland, die CE, Willow Creek, ICF, Jugend mit einer Mission, „Deutschland singt und klingt“ und sehr viele andere, die sie als Vertreter einer „Kingdom-minded Network Christianity“ im deutschsprachigen Raum sieht. Das bedeutet in etwa: am Reich Gottes orientierte, in Netzwerken organisierte Christenheit.

Tillmann: Ich finde es unfair, wenn alle Netzwerke und Netzwerker pauschal in einen Topf geworfen werden, wie Maria Hinsenkamp dies darstellt. Mir fehlt an dieser Stelle eine deutlichere Differenzierung. Mein Anliegen war, darzustellen, dass man die Situation in den USA nicht eins zu eins übertragen kann. Weil sie über das Thema promoviert hat, wird sie als Expertin eingeladen und auch häufiger interviewt. Aber ihre Thesen könnte man ja mal hinterfragen … und der von ihr künstlich konstruierte Begriff der „Kingdom-minded Network Christianity“ ärgert mich richtig. Ich kenne viele der Leute in Deutschland persönlich, von denen sie spricht, mit ihnen bin ich auch vernetzt! Aber dahinter steht doch keine „gesellschaftspolitische Agenda“ wie in den USA, allein diese Unterstellung ist schon schwierig. Bob Griffing hat es bereits gut erklärt [in Teil 2 unserer Interview-Reihe]: Was Loren Cunningham mit den „Seven Mind Moulders“ meinte und was Lance Wallnau dann mit dem „Seven Mountain Mandate“ daraus gemacht hat, sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Dahinter steht ein komplett anderes Verständnis vom „Reich Gottes“ und der Eschatologie [der Lehre von den „letzten Dingen“, Anm. d. Red.]. Post- oder Prämillennialisten, Dispensationalisten … alle meinen so genau zu wissen, was in der sogenannten „Endzeit“ zwischen dem ersten und dem zweiten Kommen Christi passiert. Ich weiß es nicht! Ich höre nur Jesus sagen: Unkraut und Weizen werden gleichermaßen wachsen [vgl. Matthäusevangelium, Kap. 13, V. 24-30]. Und ja, wir sind Mitarbeiter auf Gottes Ackerfeld, aber Gott ist es, der sein Reich baut. Nicht wir. Das ist ein ganz, ganz wichtiger Punkt. Wenn wir das klar haben, kommt es auch nicht zu dieser Überhöhung von „Aposteln“ oder unserer eigenen vermeintlichen Rolle, die wir meinen spielen zu müssen. Das alles habe ich versucht darzustellen – und auch, dass der CCD kein „großer Player“ ist, der über Vernetzung irgendwelche Machtstrukturen schaffen wolle. Ich habe die Idee hinter dem CCD geschildert, die Gerhard Proß auch in seinem Buch „Hören wagen staunen“ beschrieben hat. Ich hatte hinterher auch noch einen netten Dialog mit Maria Hinsenkamp. Ob ich sie überzeugen konnte, weiß ich allerdings nicht.

Das offenbart die begriffliche Unschärfe, unter wir besonders in der öffentlichen Diskussion leiden. Denn welche Art von „Kingdom“ ist denn gemeint? Wenn es um das Reich Gottes geht, von dem Jesus spricht, dann sollten alle Christen „kingdom-minded“ sein …

Tillmann: Natürlich! Allein der Netzwerkgedanke wird ja schon als Problem dargestellt. Aber auch Paulus war ein Netzwerker. In seinem Brief an die Römer grüßt er zwei Dutzend Leute namentlich – in einer Gemeinde, in der er noch nie war. Der Netzwerkgedanke ist dem Christentum inhärent, er wird doch nicht von außen hineingetragen.

Deutsche Medien warnen in letzter Zeit verstärkt vor einer neuen „Achse des Bösen“ – evangelikale Christen in den USA und Trump auf der einen Seite, deutsche (meist charismatische) Christen und die AfD auf der anderen Seite. Schon die Titel der Beiträge sind vielsagend: „Radikale Christen und ihr Griff nach der Macht“ (Prosieben), ARD-Anstalten sprachen von „antiliberalem, vernetztem christlichen Fundamentalismus in Deutschland“, einem „Kreuzzug von rechts“ oder „hippen Missionaren – mit Jesus gegen die Freiheit?“. Wobei man das Fragezeichen getrost hätte weglassen können. Im Fokus oft große Konferenzen wie die „Mehr“ des Gebetshauses Augsburg und Johannes Hartl, die „UNUM24“ oder reichweitenstarke christliche Influencer. Der Tenor überall: Diese Christen seien – wie in den USA – gefährliche Kulturkrieger von rechts und sowieso mit der AfD im Bund. Mein Eindruck: Die Beiträge suchen diese Einschätzung möglichst spektakulär und teilweise reißerisch zu untermauern …

In Teil 5 lest ihr am Donnerstag, 2. April 2026, wie unsere Reaktion als Christen ausfallen kann.

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