Deutschland einig Vaterland? Aufbruch zur Einheit in Ost und West

Obwohl es seit mehr als 30 Jahren keine innerdeutsche Grenze mehr gibt, trennt noch vieles Ost und West. „Corona“ sorgt zusätzlich für neue Spaltungen. Die Beter der Bibel zeigen uns den Weg zu Heilung und Wiederherstellung. Von Astrid Eichler

Seit mehr als 30 Jahren haben wir die Deutsche Einheit – und doch driftet so vieles auseinander. Wir spüren, wie die alten Grenzen zwischen Ost und West immer noch trennen; Wahlergebnisse lassen sie zum Teil erkennen. Lebensweise, Kultur, Überzeugungen unterscheiden sich immer noch. Rechts und Links radikalisieren sich. Die neuen Medien erscheinen wie eine Brutstätte der Feindschaft. Hass flammt überall auf. Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander.

Und dann auch noch „Corona“. Nicht nur, dass das Virus weltweit Unheil anrichtet und auch uns herausfordert. Nein, es gibt auch noch Anlass zu neuen Spaltungen und tiefem Misstrauen.

Gott handelt an Nationen

Im Alten Testament wird das Volk häufig aufgerufen, das Handeln Gottes zu feiern: sich dankend zu erinnern. Unser Glaube wurzelt in der Geschichte Israels, stellt uns also in den großen Horizont der Geschichte Gottes mit dieser Welt, mit Völkern und Nationen, hinein. Es geht im Glauben nicht (nur) um individualisierte Herzensfrömmigkeit. Wir sind herausgefordert, das Handeln Gottes im großen Horizont wahrzunehmen. Wir gehören mitten hinein mit unserer Unheils-, Schuld- und Gnadengeschichte.

Aufarbeiten der Nazi-Vergangenheit

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges dauerte es lange, bis viele sich der nationalsozialistischen Unheilsgeschichte stellten. In den 80er-Jahren war es unter uns Christen wie ein Aufbruch. Versöhnungswege wurden gegangen: Gruppen machten sich auf den Weg, um an Orten, an denen Schreckliches geschehen war, um Vergebung zu bitten. Bußgottesdienste wurden gehalten. 40 Jahre vergingen, bis dieses Kapitel unserer Geschichte von uns gründlich angeschaut wurde. „Schnee von gestern“, dachten manche.

Aber es waren wichtige Schritte auf dem Weg zu Wiederherstellung, Freisetzung und Heilung; wichtige Schritte hin zu Mauerfall und Deutscher Einheit.

Und was ist mit der DDR?

In den vergangenen Jahren tauchte immer wieder eine Kontroverse auf: War die DDR ein Unrechtsstaat? Für manche entscheidet sich an der Antwort auf diese Frage, wer Freund und wer Feind ist. Mich trifft das tief: Was bedeutet das für mich, die ich schließlich auch in der DDR gelebt habe? Ich fühle mich angeklagt, schuldig, beschämt. Ich will mich verteidigen. Das macht mich aggressiv. Dann: Aber ich bin ja nicht gemeint, wie gut! Ich habe doch selbst unter diesem Staat gelitten.

Aber erleichtert durchatmen kann ich nicht. Es ist mir zu einfach zu denken: Die Unrechtstäter waren die anderen, nicht ich. Dann könnten ja alle im Westen und viele im Osten sich zurücklehnen, dann wären die Bösen immer die anderen: die Kommunisten, die Stasi, die AfD, die Amis, die Kirche, die Politiker, die Demonstranten … Nein, das ist mir zu einfach – im Rückblick auf damals und im Blick auf das, was uns heute umtreibt. Ich glaube, wir brauchen eine gemeinsame Umkehr!

Wie die Beter der Bibel: gemeinsam Schuld bekennen

Hier lerne ich von den biblischen Betern. Sie bekennen die Schuld ihres Volkes und sagen dabei nicht „die da“, sondern „wir“! Bei Daniel, diesem gottesfürchtigen, geradlinigen Mann, der in einem Unrechtsstaat leben und leiden musste, lesen wir: „Wir haben Sünde auf uns geladen und haben getan, was nicht recht war. Wir sind von dir weggelaufen und wollten mit dir nichts mehr zu tun haben. Die Forderungen deiner Gebote und Gesetze haben wir nicht mehr beachtet… wir schämen uns alle gewaltig“ (Dan 9,5-7). Ganz ähnlich finden wir es bei Nehemia. Biblische Beter sagen „wir“ und setzen damit Anfänge für Erneuerung.

Jesus ist das Vorbild

Ich habe Jesus vor Augen: Er war ohne Schuld und ließ sich taufen mit der Taufe zur Vergebung der Sünden. Er stellte sich mitten hinein in die Gemeinschaft der Sünder. Ich glaube, dass die Einheit unseres Volkes nur in dem Maße wachsen wird, wie wir „wir“ sagen und uns dabei unter die Schuld unseres Volkes stellen, nicht nur im Blick auf die Zeit des Nationalsozialismus, sondern auch im Blick auf die Schuld der Kommunisten, Atheisten, der Stasi im Osten und des Materialismus im Westen, der den Götzen „Wohlstand“ auf den Thron gehoben hat: „Wir haben gesündigt und sind schuldig geworden vor Dir, Herr!“

Heilung ist möglich

Wenn wir Sünde bekennen, wird der Weg für Vergebung und Versöhnung, für Heilung und Wiederherstellung aus Gnade frei. Das gilt für Einzelne, aber auch für uns als Volk. Ich bin zutiefst überzeugt: Wo Buße geschieht und Gnade empfangen wird, ist kein Raum für Nationalismus. Nationalismus ist eine Frucht, die aus dem Sumpf der Sünde und der ungeheilten Verletzungen erwächst. Wer Gnade empfangen und Heilung erlebt hat, wird immer offene Arme für die anderen haben, weil zutiefst klar ist: Es ist alles Geschenk. Wie wäre es, wenn wir Gott für sein Handeln danken und in der Fürbitte für unser Volk und Land eintreten?

Astrid Eichler

Astrid Eichler ist in Mecklenburg geboren und aufgewachsen. Die Theologin und Autorin hat als Gemeindepfarrerin in der Prignitz (Brandenburg) und als Gefängnisseelsorgerin in Berlin gearbeitet. Sie leitet heute die Geschäftsstelle von EmwAg e.V. und ist Referentin von „Solo & Co“. Sie sucht auf Lebensfragen eine authentische Antwort aus ihrem Glauben.

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