Die größte Last des Lockdowns liegt auf Kindern und Jugendlichen

Jungen Menschen ist der größte Teil ihrer Möglichkeiten genommen worden, sich weiterzuentwickeln. Isolation und häusliche Gewalt haben zugenommen. Jugendpfarrer Holger Bartsch versucht mit seinem Team in Chemnitz trotzdem präsent zu sein.

Peergroup von hinten

Ich bin verstummt. Selbst beten fällt schwer, wenn ich alleine sein muss.“ – „Ich bin nur zu Hause und tagelang passiert nichts. Ich entwickle mich nicht weiter.“ – „Das Gefühl der Passivität macht Angst.“ – „Ich verliere meine Stabilität.“ Dies sind Originaltöne von Jugendlichen im Alter von 16 bis 19 Jahren, aufgeschnappt im Januar dieses Jahres. Sehr viele haben ihre Schule und damit ihre Peergroup und ihre Freunde monatelang nicht real getroffen. Das geht nicht spurlos an ihnen vorüber. Viele Eltern und auch wir Jugendmitarbeiter müssen gerade miterleben, wie die größte Last der Pandemieeindämmung auf Kinder und Jugendliche gelegt wurde. Und nur ein paar Mal hat es die Not Jugendlicher während des Lockdowns auch in die TV-Talkrunden geschafft.

Lockdown und Digitalisierung verschärfen einige Probleme

Wir erleben vor Ort, dass Jugendgruppen an Reichweite verlieren. Die Gefahr von Viren im Atem hat allen gemeinsamen Lobpreis verstummen lassen. Warum sich noch treffen mit rigiden Hygieneregeln, wenn es diese Gemeinschaftserfahrung nicht zu erleben gibt? Auch viele Mitarbeiter fühlen sich unwohl in der Grauzone der Regeln, weil sie doch irgendwie Treffen organisieren, um den Jugendlichen Entlastungsmomente zu verschaffen. Für eine große Gruppe der Jugendlichen bieten die Sozialen Medien eine alternative Lebenswelt zur angehaltenen Lern- und Erlebniswelt, in die sie hineinwachsen sollten und wollten.

Doch das Problem ist noch größer. Durch Lockdown und Digitalisierung von Schule und Kinderzimmer hat sich das Problem von kindlichem und jugendlichem Spiele- und Pornografiekonsum und von sexueller Gewalt in der Familie und im Netz weiter zugespitzt. Häusliche Gewalt in prekären Verhältnissen hat messbar zugenommen. Die „return“-Fachstelle Mediensucht in Hannover hat im Februar eine Petition gestartet, in der die Gefahren thematisiert werden, die von der Digitalisierung der Kinderzimmer ausgeht.

Jugendlichen sind ihre Entwicklungsmöglichkeiten genommen

Was bedeutet das alles für die jungen Menschen? Bisher war Selbstoptimierung der Wegweiser durch die Fülle der Möglichkeiten. Alles konnte und sollte danach beurteilt werden, wie viel Glück, Spaß und Entwicklung es persönlich bringt. Genau dieser Wegweiser wurde abgerissen. Stattdessen dominierte über viele stille Monate hinweg eine Botschaft: Mein Atem, das Grundlegendste, was mich am Leben erhält, ist eine Gefahr. Eine Gefahr für die Welt zu sein – das erschüttert einen selbstzweifelnden Teenager. Und es entzieht einem Studenten die Energie, die er auf dem Campus gefunden hätte, wie der Soziologe Hartmut Rosa unlängst in einem Interview festgestellt hat.

Sich mit legitimen Grundbedürfnissen nach Nähe und Austausch über lange Zeit im illegalen Bereich zu bewegen, wirkt zusätzlich verstörend und erzeugt Passivität. Jugendliche erleben die Kehrseite der Individualisierung, nämlich die postmoderne Angst, im Universum allein zu sein. Und wir dürfen nicht vergessen, dass ein Jahr im Leben eines Teenagers mehr Veränderung und Entwicklung mit sich bringt als bei uns Erwachsenen fünf Jahre. Wie konnte es passieren, dass wir die größte Last des Lockdowns auf Kinder und Jugendliche gelegt haben? Hoffentlich können wir diese Frage als Gesellschaft bewegen. Ich bin auf der Suche nach Antworten!

Ein Kern der Jugendgruppe muss überleben

Was brauchen Jugendliche jetzt von uns? Was kann unser Glaube ihnen geben, wenn sie auf den Ruf eingehen, zu Christus umzukehren? Eine unserer Strategien ist, die ehrenamtlichen Jugendmitarbeiter zu ermutigen, für das Überleben eines Kerns der Jugendgruppe zu sorgen. So kann der „leibliche Moment“ der Gemeinschaft in der kommenden Zeit wieder viele herbeirufen.

Wir haben in unserer Jugendkirche außerdem Kurzgottesdienste angeboten. Wir feierten nur das Nötigste eines Gottesdienstes ohne Blick auf liturgische Wichtigkeiten: instrumental, mit Andacht, Stille, einem Vortragslied und einem Zeugnisteil. Wir haben dort zunehmend besondere, heilsame Erfahrungen gemacht und nehmen das als Geschenk des Geistes Gottes wahr.

Jugendliche lehren uns, was ihnen hilft

Wenn wir die Jugendlichen danach fragen, wie sie diese Zeit bewältigen wollen, dann hören wir spannende Ansätze, die auch uns weiterbringen. Sie haben uns gelehrt, wie viel Nähe es erzeugt, wenn wir von unseren eigenen Höhen und Tiefen berichten. Sie erzählen, dass es Möglichkeiten gibt, die guttun, obwohl es nicht die erträumten oder angepriesenen Möglichkeiten der vollen Selbstoptimierung sind. Ein Mädchen, das ich am Anfang zitiert habe, sagte vor ein paar Tagen: „Auf Jesus zu sehen sortiert meine Gefühle und ich bin wieder ich selbst.“ Sie hat die Beschränkung der Selbstoptimierung akzeptiert und ist zur lebendigen Quelle Jesus umgekehrt.

Was sagen Ihnen Jugendliche und Kinder dazu, was ihnen jetzt hilft? Welche Angebote macht Ihre Gemeinde?
Schreiben Sie einen Kommentar – wir freuen uns drauf!

Holger Bartsch

Holger Bartsch ist Jugendpfarrer in Chemnitz. Eins seiner Lieblingsmottos ist: „Weil Jesus lebt, ist jede Krise eine Chance.“

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