Ein Gottesdienst rührt in der Pandemie zu Tränen

Menschen sind einfach keine digitalen Wesen. Die Corona-Maßnahmen stellen uns alle auf eine harte Probe. Nutzen wir diese Prüfung doch, indem wir feiern, was wir an Gottesdienst haben, und unser ganz persönliches Ostern erleben, sagt Silvia Jöhring-Langert.

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Eine Kirchengemeinde feiert innerhalb von vier Tagen drei Gottesdienste. Der Pfarrer weint vor Glück, die Gottesdienste halten zu dürfen, die Teilnehmer sind tief betroffen und so bewegt, dass sie am Ende gar nicht gehen wollen. Man bleibt noch, um sich zu grüßen und wenigstens ein paar Worte zu wechseln. All das, obwohl die Liturgie sehr verkürzt daherkommt, Sologesang den Gemeindegesang ersetzt und es nur Worte über die Bedeutung des Abendmahls gibt anstatt Brot und Wein …

Sie ahnen vielleicht, was ich beschreibe: Gottesdienste in Corona-Zeiten von Gründonnerstag bis Ostersonntag. Aber wo? In einer Gegend der Welt, wo Christen unterdrückt werden und deshalb Gottesdienste, sprich erlebte Gemeinschaft, umso kostbarer sind?

Ein simpler Gottesdienst wird ganz wesentlich

Nein, ich spreche vom beschaulichen Lippstadt. Ja, evangelische Präsenzgottesdienste sind sehr selten geworden und in Westfalen nur dort möglich, wo die Sieben-Tage-Inzidenz eine Woche lang unter 100 lag. Welch ein Glück für mich, in Lippstadt zu wohnen und welch eine Erfahrung: Wesentliches wurde wieder wesentlich! Ich war gerührt, ja glücklich, so etwas Simples zu erleben: einen echten Gottesdienst in einer echten Kirche in Gemeinschaft mit echten Menschen.

Abstand in der Pandemie tut weh

Die Pandemie hat uns zu ganz untypischem Verhalten gezwungen: Abstand halten, keine Umarmungen, nicht einmal Händeschütteln, wenige, seltene Verabredungen. All das hat zur Vereinsamung von Menschen beigetragen und tut umso mehr weh, je länger es andauert. Wir Menschen sind soziale Wesen, von Geburt an auf Beziehung zu anderen angelegt, wir sind keine „digitalen Wesen“. Digitale Konferenzen können berufliche Abläufe aufrechterhalten, aber ihnen fehlt das Wesentliche: leibhaftige Begegnungen zwischen mir und anderen.

Wie gut, dass wir als Christen innerhalb dieses sozialen Mangels wenigstens Gottesdienste feiern können, die ein bisschen Begegnung und Trost vermitteln. Und Trost ist es, den wir durch Gott empfangen, immer wieder.

Weil Jesus auferstanden ist, gibt es Freude statt Frustration

Vor wenigen Tagen haben wir den 1. Sonntag nach Ostern gefeiert. Lateinisch heißt er in der kirchlichen Liturgie „Quasimodogeniti“, zu deutsch „wie die neugeborenen Kindlein“, es ist ein Zitat aus dem 1. Petrusbrief. Petrus beschreibt darin die Hoffnung, aus der wir seit Ostern leben dürfen, eine zutiefst existenzielle Hoffnung. Weil Jesus von den Toten auferstanden ist, ist für alle etwas Neues möglich – Leben statt Tod, Licht statt Finsternis, Freude statt Frustration: „Deshalb seid ihr voll Freude, obwohl ihr jetzt vielleicht kurze Zeit unter mancherlei Prüfungen leiden müsst“ (1. Petrusbrief, Kapitel 1, Vers 6).

Corona als Prüfung: Halten wir doch Gott alles hin!

Die Corona-Pandemie ist eine Prüfung, sie fordert uns heraus und befördert dabei Gutes wie Schlechtes in uns an die Oberfläche, sie macht es sichtbar. Das wiederum erfüllt mich mit Hoffnung und Zuversicht: Wenn wir nur Gott alles hinhalten, was durch diese Prüfung hervorgeholt wird! Dann dürfen wir auf ein kleines, ganz persönliches Ostern hoffen, eine Verwandlung erleben. Auch in uns kann durch Gottes Wirken neues Leben wachsen, können Licht und Freude zunehmen. Das ist die hoffnungsvolle Osterbotschaft. Ich jedenfalls werde jeden dieser Begegnungs-Momente, in denen ich mit anderen Menschen gemeinsam vor Gott bin, besonders intensiv in mich aufnehmen, wertschätzen, genießen und auskosten. Ich werde mich zu den analogen Gottesdiensten meiner Gemeinde aufmachen und jeden davon feiern, ganz bewusst.

Silvia Jöhring-Langert

Silvia Jöhring-Langert ist Diakonin und leitet die Seminararbeit der GGE Deutschland. Sie lebt in Westfalen.

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2 Gedanken zu “Ein Gottesdienst rührt in der Pandemie zu Tränen

  1. Nun gut, das entspricht der Definition, wer sich inzwischen und in Zukunft als Mensch bezeichnen kann. Das macht es sehr viel einfacher zu Unterscheiden, als wenn man sich ständig streiten müsste, mit welchem Wortlaut der jeweilige Nichtmensch identifiziert und weder sich daran all zu sehr erfreut noch auf die Idee kommt wegen beleidigender Rede zu klagen.

  2. Nein, Menschen sind wahrlich keine digitalen Wesen. Ich bin dankbar, dass meine Gemeinde in Hamburg außer im April und Mai 2020 durchgehend Präsenz-Gottedienste angeboten hat und anbietet, zwei am Sonntagmorgen, damit die Teilnehmerzahlen nicht zu hoch sind (und wann immer das Wetter es zulässt im Freien) aber auch einen Zoom-Gottesdienst am Abend für alle, die wirklich nicht kommen können oder wollen. Die Idee mit aufgezeichneten Gottesdiensten hatten wir nach wenigen Wochen wieder verworfen. Ein Gottesdienst braucht einfach die Zusammenkunft, sonst kommt man zu schnell in eine Haltung des Konsums, die uns für einen Gottesdienst nicht angebracht erscheint. Das geht am besten natürlich persönlich, aber funktioniert zur Not eben auch per Zoom und ist für den nicht-digitalen Menschen so doch ein echter Segen.

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