Ein wilder Wegbereiter aus der Wüste

Heuschrecken zum Frühstück. Johannes der Täufer, Prediger mit rustikaler Ernährung, verlor seinen Auftrag nie aus den Augen. Henning Dobers spürt dem in einer vierteiligen Reihe zum Advent nach. Teil 2: Der wilde Wegbereiter macht Bahn für Jesus.

Profilbild Johannes der Täufer
Und du, Kindlein, wirst Prophet des Höchsten heißen. Denn du wirst dem Herrn vorangehen, dass du seinen Weg bereitest und Erkenntnis des Heils gebest seinem Volk in der Vergebung ihrer Sünden, durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes, durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe, auf dass es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens. Und das Kindlein wuchs und wurde stark im Geist. Und er war in der Wüste bis zu dem Tag, an dem er vor das Volk Israel treten sollte. 

 Lukasevangelium, Kap. 1, V. 76-80
Er aber, Johannes, hatte ein Gewand aus Kamelhaaren an und einen ledernen Gürtel um seine Lenden; seine Speise aber waren Heuschrecken und wilder Honig.  

 Matthäusevangelium, Kap. 3, V. 4

Johannes der Täufer ist sichtbarer und hörbarer Ausdruck einer Schwellenzeit. In seiner Person kommen der alte Bund und der beginnende neue Bund zusammen. Johannes ist eine Art Drehtür, ein Bindeglied zwischen zwei Epochen der Heilsgeschichte, nämlich der Zeit bis Jesus und der Zeit seit Jesus: „Das Gesetz und die Propheten reichen bis zu Johannes. Von da an wird das Evangelium vom Reich Gottes gepredigt, und jedermann drängt mit Gewalt hinein“ (Lukasevangelium, Kap. 16, V. 16). Johannes verkörpert mit seiner ganzen Existenz (Lebensstil, Wohnort und Botschaft) eine unüberhörbare und unübersehbare Irritation für das religiöse System und den Lebenswandel der Menschen. Auf provozierende Weise will er dazu beitragen, dass sich die Menschen im Herzen und mit ihrem Lebensstil auf den bald kommenden Messias vorbereiten.

(...) Jesus (fing) an, zu dem Volk über Johannes zu reden: Was zu sehen seid ihr hinausgegangen in die Wüste? Ein Schilfrohr, das vom Wind bewegt wird? Oder was zu sehen seid ihr hinausgegangen? Einen Menschen in weichen Kleidern? Siehe, die weiche Kleider tragen, sind in den Häusern der Könige. Oder was zu sehen seid ihr hinausgegangen? Einen Propheten? Ja, ich sage euch: Er ist mehr als ein Prophet. Dieser ist's, von dem geschrieben steht: „Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, der deinen Weg vor dir bereiten soll.“ Wahrlich, ich sage euch: Unter allen, die von einer Frau geboren sind, ist keiner aufgetreten, der größer ist als Johannes der Täufer; der aber der Kleinste ist im Himmelreich, ist größer als er. Aber von den Tagen Johannes des Täufers bis heute leidet das Himmelreich Gewalt, und die Gewalt tun, reißen es an sich. Denn alle Propheten und das Gesetz haben geweissagt bis hin zu Johannes; und wenn ihr's annehmen wollt: Er ist Elia, der da kommen soll. Wer Ohren hat, der höre! Mit wem soll ich aber dieses Geschlecht vergleichen? Es ist den Kindern gleich, die auf dem Markt sitzen und rufen den andern zu: Wir haben euch aufgespielt und ihr habt nicht getanzt; wir haben Klagelieder gesungen und ihr habt nicht geweint. Denn Johannes ist gekommen, aß nicht und trank nicht, und sie sagen: Er ist von einem Dämon besessen. Der Menschensohn ist gekommen, isst und trinkt, und sie sagen: Siehe, dieser Mensch ist ein Fresser und Weinsäufer, ein Freund der Zöllner und Sünder! Und doch ist die Weisheit gerechtfertigt worden aus ihren Werken. 

Matthäusevangelium, Kap. 11, V. 7-19


Kommen wir ins Gespräch!

  • Was beeindruckt mich an Johannes, was ist mir fremd?
  • Wie gehe ich damit um, wenn Menschen radikale Wege in der Christusnachfolge gehen?
  • Kenne ich vergleichbare Johannes-Figuren heute? Was sind Kennzeichen solcher Menschen? Was wäre heute dran?
  • Die Vorbereitung der Erneuerung geschieht in der Wüste bzw. kommt aus der Wüste. Auch Jesus zog sich immer wieder zurück an einsame Orte. Was bedeutet das ganz grundsätzlich für geistliches Leben?

Bibelstellen nach: Luther (2017)

Der Beitrag erscheint Anfang Dezember unter der Überschrift „Johannes der Täufer: Auf der Schwelle zwischen gestern und morgen“ in der aktuellen GEISTESGEGENWÄRTIG „Schwellenzeit“.

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Henning Dobers

Henning Dobers ist Pfarrer und 1. Vorsitzender der GGE Deutschland.

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Ein Gedanke zu “Ein wilder Wegbereiter aus der Wüste

  1. Um ins Gespräch zu kommen:
    Wenn ich auf Johannes den Täufer sehe in seiner Sprache und seinem äußeren Erscheinungsbild und mir das adäquat heute vorstelle, wäre ich ihm gegenüber wohl eher verschlossen als aufgeschlossen. Da stellt sich für mich die Frage, wie würde ein Mensch in der radikalen Christusnachfolge sein und auftreten sollen, damit ich hörbereit, offen und aufnahmefähig bin? Und was bedeutet radikale Christusnachfolge, die nicht abschreckend sondern auch einladend und abholend ist? Ist nicht auch da der Übergang von Johannes dem Täufer zu Jesus hin ein Wechsel? Jesus war in seiner Nachfolge gegenüber Gott dem Vater radikal und unbeeindruckt von Menschen und mainstream und Zeitgeist. Aber zugleich war er Menschen zugewandt, hörend auf den Vater und den Heiligen Geist und erfüllt in seinem Herzen mit der Liebe des Vaters. Ist das ein Kennzeichen radikaler Christusnachfolge auch heute und in der Schwellenzeit, in die Gegenwart Christi gehen, auf ihn hören und dann das Tun, was er gesagt hat, erfüllt in der Liebe Gottes des Vaters, ganz von Gott her und ganz auf den Nächsten hin – und zu sich. Für mich also, auf dem Weg zu sein vom Ich zum Du. Das ist durchaus auch eine Schwelle, meine Schwellenzeit.

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