Gott wird zur guten Gewohnheit

Geistliche Disziplinen helfen, nah an der Quelle und am Wesentlichen zu bleiben. Evangelische, katholische und freikirchliche Mitglieder der Gemeinschaft Chemin Neuf haben das durch Gebet, Stille und Bibellesen erfahren. Von Oliver Matri u.a.

Aussicht Chemin Neuf
Autorenfoto Oliver Matri

Oliver Marti: Täglich beten mit der Bibel
Das persönliche Gebet mit einem biblischen Text gehört in unserer Gemeinschaft zu den täglichen Gewohnheiten. Eine gute Vorbereitung ist wichtig: Ich suche mir einen Ort, an dem ich nicht abgelenkt werde, und entscheide, wie lange ich bete (20 bis 60 Minuten). Schließlich lese ich den Bibeltext des Tages und mache die Punkte aus, über die ich meditieren werde.

Nun beginnt das eigentliche Gebet. Ignatius von Loyola empfiehlt drei „Präambeln“ zum Beginn: bewusst in Gottes Gegenwart kommen, mich mit meiner Vorstellungskraft und allen Sinnen in die Szenerie des Textes hineinversetzen, Gott um eine Gnade bitten. Letzteres bedeutet: Was brauche ich von Gott, um in meiner Beziehung mit ihm tiefer gehen zu können? Es folgt der Abschnitt, der am meisten Zeit braucht: die Meditation über den Text. Nacheinander nehme ich mir Zeit für zwei bis drei Stellen im Text, die mich ansprechen oder herausfordern. Ich lese sehr langsam, halte inne, höre den Text neu, lasse mich persönlich ansprechen. Zum Abschluss des Gebets halte ich ein „Zwiegespräch“ mit dem Herrn, spreche mit ihm, „wie ein Freund mit seinem Freund spricht“, so formulierte es Ignatius. Dafür sollten fünf bis zehn Minuten reserviert sein. Ich ende mit dem Vaterunser oder einem anderen Gebet, das ich mag.

Oliver Matri ist evangelisch und studiert Theologie. Er ist verheiratet und lebt in Berlin.


Andy Heer: Austausch bringt mich in Kontakt mit Gott
Der regelmäßige Austausch mit meinen Glaubensgeschwistern gehört zu den wichtigsten Elementen meines christlichen Lebens. So wie das Gebet und der Gottesdienst hilft mir auch der Austausch, in Kontakt mit Gott zu kommen. Er holt mich aus der bloßen Selbstreflexion heraus und stellt mich in Beziehung zu anderen Menschen und damit auch zu Gott. Durch das Ausformulieren eigener Gedanken klären sich manche Dinge unmittelbar, anderes braucht mehr Zeit, um nachzuwirken. Es hilft mir, wenn der Austausch in geordneter Monologform abläuft: Alles wird stehen gelassen, nicht diskutiert oder kommentiert. Es wird dann einfacher, unangenehme und schuldbehaftete Dinge anzusprechen, weil man keine kritischen Bemerkungen aus der Gruppe befürchten muss.

Die Austauschgruppe sollte einen festen Rahmen haben, zum Beispiel einen „Jour fixe“, da sich diese geschützte Art des Gesprächs meist nicht spontan er- gibt. Zum wöchentlichen Treffen meiner festen Kleingruppe, der „Fraternität“, in der Gemeinschaft Chemin Neuf gehört neben dem Essen, Plaudern und dem Gebet auch diese Form des Austauschs. Der Austausch kann ein konkretes Thema haben oder sich allgemein mit dem aktuellen Befinden befassen. Unter Pandemie-Bedingungen funktioniert der Austausch auch hervorragend per Videokonferenz.

Andy Heer ist katholisch und arbeitet als Systemadministrator. Er lebt in Berlin.


Natalie Weis

Natalie Weis: Sich stille Tage nehmen
Familie, Arbeit, Gemeinschaftsleben, Mission: Mein Alltag ist nicht erst seit unserem Eintritt in die Gemeinschaft Chemin Neuf vor sieben Jahren gut gefüllt mit Aufgaben, Terminen, Projekten. Selbst an den Wochenenden kommen kaum freie Zeiten vor. Sehnsuchtsvoll hörte ich manchmal von den „Wüstenzeiten“, einem Tag der Stille und des Gebets, den unsere geweihten Brüder und Schwestern regelmäßig in der Woche haben. Ich stellte mir vor, wie wundervoll es wäre, unverplante, leere, stille Momente mitten im Alltag zu haben. Doch es fiel mir schwer, mir diese Zeit zu nehmen.

Die Wende kam, als ich zugeben konnte, dass ich dem Tempo nicht mehr gewachsen war. Ich litt inzwischen unter chronischen Rückenschmerzen. Im Gebet spürte ich große Sehnsucht, mehr Zeit mit Gott zu verbringen, auf sein Wort zu hören, in der Stille zu sein. Ich reduzierte die Arbeitszeit und blieb mitten in der Woche einen Tag zu Hause. Seit mehr als einem Jahr verbringe ich jeden Donnerstag ohne festen Zeitplan in der Stille. Ich schlafe länger, lese Bibel, bete, spaziere im Kiez herum – ohne Erledigungen damit zu verbinden. Am Nachmittag fahre ich oft in unser Kloster Lankwitz, um dort im Garten zu arbeiten. Ich liebe den verwilderten Garten und mag es, Zeit mit den Geschwistern dort zu verbringen, Kaffee zu trinken und sie von der Arbeit abzuhalten … GLAUBE UND LEBEN

Natalie Weis ist katholisch und arbeitet als Parlamentarsbeamtin. Sie ist verheiratet und wohnt in Berlin.


Henrike Rademacher

Henrike Rademacher: Lobpreis befriedet den Alltag
Gott zu loben ist mir eine große Kraft im Alltag. Ich bin Mutter von vier Kindern: Geduld, Liebe, Barmherzigkeit, aber auch Klarheit und Entschiedenheit sind Haltungen, die für mich in der Erziehung unabkömmlich sind. So oft komme ich darin an meine Grenzen. Wenn mir dann ein Loblied in Herz und Mund kommt, öffnet sich oft innerlich und äußerlich die angespannte Situation.

Gott zu loben befriedet meinen Alltag. Wenn ich Gott danke, ordnet sich mein Leben, alles findet zurück in die gottgewollte Ordnung: Gott ist mein Vater, ich bin sein geliebtes Kind. Er ist der Geber, ich empfange seine Liebe. Tiefer Friede kehrt ein. Es ist, als würde ich den Anker auswerfen und mich wieder bei ihm festmachen.

Derzeit werden für mich alle Momente, in denen ich mit anderen Christen zusammen Gott loben kann, zu Oasen des Glaubens: der Whatsapp-Gebetskreis, der gestreamte Lobpreisabend oder der digital übertragene Gottesdienst. Und wenn ich mal wieder allein bete, dann singe ich gern mit einem Lobpreislied auf Youtube und erlebe, dass Gott Zeit, Raum und Grenzen übersteigt.

Henrike Rademacher, evangelisch-freikirchlich, ist Diakonin und Sozialpädagogin. Sie ist verheiratet und lebt mit ihrer Familie in Bonn.


Sr. Michaela Borrmann

Sr. Michaela Borrmann: Die Bibel fortlaufend lesen
Als vor einem Jahr der erste Lockdown begann, hörte ich die Einladung Gottes: „Du wirst in den kommenden Monaten mehr Zeit haben. Möchtest du nicht das Bibellesen wieder intensivieren?“

Als junge Erwachsene hatte ich die Bibel schon oft durchgelesen, vielleicht aber ein bisschen maschinell. Nun hörte ich die Einladung erneut. Ich fand eine Ausgabe meiner Lieblings-Bibelübersetzung mit Schreibrand und bekam einen Tipp für ein Unterstreichungssystem, das mir entsprach. In unserem Whatsapp-Gebetskreis hatte dann jemand ein Bild: „Zwei Menschen, jeder liest in einem Buch. Die eine Person entdeckt, dass jede Seite eine Tür zu einer sehr schönen Landschaft ist, in der man Gottes Gegenwart ganz neu erlebt. Diese Person erlebt tiefe Freude. Die andere entdeckt diese Türen in den Seiten nicht und klappt das Buch traurig zu.“

Das war ein Signal, und so habe ich wieder mit der fortlaufenden Bibellese angefangen, von vorne bis hinten. Jeden Tag ein bis zwei Kapitel, immer mit der Frage: Was wird hier über Gott gesagt? Dann nehme ich mir Zeit, Gott konkret für jede Eigenschaft anzubeten, die ich entdeckt habe. So sind die Leerläufe während des Lockdowns zu einer neuen Gelegenheit der tiefen Begegnung mit Gott geworden.

Sr. Michaela Borrmann ist evangelisch und geweihte Schwester. Die Theologin lebt in Berlin.


Uwe Welp

Uwe Welp: Eine Woche schweigen
Während der Exerzitien – einer Schweige-Woche – vergegenwärtige ich mir meine Beziehung zu Gott. Viermal am Tag nehme ich mir Zeit für das persönliche Gespräch mit Gott. Im Gebet gehe ich einen Weg: Er führt von der Unordnung in die Ordnung: „Der Mensch ist geschaffen, Gott zu loben, ihm Ehrfurcht zu erweisen und ihm zu dienen“ (Ignatius von Loyola). Ich vollziehe die Übung der Indifferenz: Nicht ich, sondern Gott sitzt auf dem Thron. Im Licht Gottes nehme ich meine Geschichte wahr, erkenne meine Sünde. Jeden Tag geben mir zwei Im- pulse einen gedanklichen Input, der meinen Weg begleitet. Das Schweigen wird abends durch gemeinsames Gebet und Gesang unterbrochen.

Nachmittags im Begleitgespräch kann ich meine geistliche Bewegung reflektieren. Ich kann Sünde vor Gott bringen und er vergibt, liebt mich trotzdem und macht mich frei. Der Weg über das Kreuz führt mich ins Leben – ich begegne Jesus. Mein Herz wird zur Quelle lebendigen Wassers, das ins ewige Leben quillt. Jeden Tag kann ich mich neu für den Heiligen Geist entscheiden und Jesus folgen.

Am Ende der Exerzitien erkenne ich: Die Dinge des Lebens stören dabei nicht, Jesus hat diese Dinge geheiligt. Er hatte einen Beruf und lebte in einer Familie. Ich gehe hinaus in die Welt und achte auf meinen inneren Garten. Und wenn es im Kloster nicht möglich ist, dann gibt es Exerzitien online. Unsere Online-Exerzitien im Advent waren für mich ein wunderbarer Weg in der Erwartung des Herrn – so hatte ich diese Zeit noch nicht erlebt!

Uwe Welp ist evangelisch. Der Architekt ist verheiratet und wohnt in Berlin.


Violaine de Noblet

Sr. Violaine de Noblet: Geistliche Begleitung als Hilfe
Die geistliche Begleitung beinhaltet in der Regel, mich einmal im Monat mit einer Vertrauensperson zu treffen. Mit ihrem Blick von außen hilft sie mir, Abstand vom Alltag zu gewinnen und zu unterscheiden, was von Gott und was vom Bösen kommt – damit ich die Gegenwart Christi in meinem Leben finde und ihm immer besser nachfolge.

Oft jagt im Leben ein Ereignis das andere. Und ohne dass ich es merke, können diese Ereignisse über die Richtung meines Lebens entscheiden. Aber welchen Sinn will ich meinem Leben geben? Wie kann ich lernen, mich vom Heiligen Geist führen statt mich von äußeren Faktoren bestimmen zu lassen? In der Begleitung kann ich innehalten, um Atem zu holen, um im Gespräch Gottes Handeln in meinem Leben neu zu erkennen und es zu ordnen. Auf diese Weise inkarniert sich mein Glaube in meinem Leben, mein Leben verändert sich. Es wird zum Ort des Bündnisses mit Gott. Die heutige Welt drängt uns, mehr und mehr außerhalb von uns selbst zu leben, durch die Medien, den Überfluss an Information und den vorherrschenden Geist der Angst. Aber Gott ist in meinem Innersten. Die Begleitung ist eine Hilfe, diesen Weg der Innerlichkeit zu gehen. Zu lernen, bei mir selbst und bei Gott zu sein, und zu lernen, die Gegenwart Christi wiederzuentdecken, der inmitten meines Erlebens treu anwesend ist.

Sr. Violaine de Noblet ist katholisch und geweihte Schwester. Die Theologin lebt in Bonn.


CHEMIN NEUF Die Gemeinschaft Chemin Neuf (dt. „Neuer Weg“) ist eine katholische Kommunität mit ökumenischer Berufung. Sie hat Mitglieder aus verschiedenen christlichen Konfessionen, die jeweils Mitglied ihrer Kirchen und Gemeinden bleiben. Die katholischen, evangelischen, freikirchlichen und orthodoxen Mitglieder der Gemeinschaft teilen das Gebet, den Alltag und die Mission. In Deutschland hat die Gemeinschaft Niederlassungen in Berlin und Bonn. 1973 im französischen Lyon aus einer studentischen Gebetsgruppe erwachsen, umfasst die Gemeinschaft heute rund 2000 Mitglieder in 30 Ländern, darunter Ehepaare und Familien sowie zölibatär lebende Brüder und Schwestern. www.chemin-neuf.de

Oliver Matri

Oliver Matri ist evangelisch und studiert Theologie. Er ist verheiratet und lebt in Berlin.

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