„Keine Gewalt!“ gilt auch für Demokratie-Demos

Auf einer Demokratie-Demo in Halberstadt hat Susanne Entschel eine einschneidende Erfahrung gemacht.   

„Keine Gewalt!“ Diese Aussage würden vermutlich die meisten Bürgerinnen und Bürger unterschreiben, die aktuell an unterschiedlichen Orten unseres Landes auf die Straße gehen, um ein Zeichen für Demokratie und gegen Hass und Hetze zu setzen. Sie sind dort, um Grundrechte und Menschenwürde hochzuhalten.

Im Ernst – „Nazis erschießen“?

Daher hätte ich nicht damit gerechnet, dass dieser Ruf ausgerechnet auf genau so einer Demo in Halberstadt zu hören sein würde. Doch genau das geschah, als ein Musiker auf der Bühne unter dem Mantel der „Kunstfreiheit“ am Sonntag vorige Woche davon sang, Nazis zu erschießen.

Pfarrer protestiert – und soll Demo verlassen

Während die übrigen Rednerinnen und Redner für Demokratie, Menschenrechte und einen würdigen Umgang mit allen Menschen in unserem Land auf der Bühne standen, drohte die Stimmung auf der Demo nun zu kippen. Die ersten verließen den Platz und ein Pfarrkollege begann, laut gegen den Inhalt des Liedes mit eben diesem Ruf „Keine Gewalt!“ zu protestieren. Ihm schloss sich daraufhin ein Sprechchor an.

Die Ordner waren sofort bei ihm und legten ihm nahe, er könne die Demo auch verlassen. Parallel dazu wurde vorn an der Bühne weiter laut mitgesungen.

Wenn Menschen von anderer Seite vom Pferd fallen

Ich war dankbar für den Zwischenruf und gleichzeitig unangenehm berührt, dass Menschen selbst mit den besten Absichten auf der anderen Seite vom Pferd fallen können. Kunstfreiheit hin oder her, wer gegen Hass und Gewalt protestiert, kann nicht selbst zu Gewalt aufrufen. Ich kann nicht davon sprechen Menschen niederzutrampeln, wenn ich für Toleranz auf der Bühne stehe.

Nicht jede Meinung kann ich annehmen, manche Ansicht verlangt eine klare Positionierung und Gegenrede, aber es darf doch nicht gegen das Recht eines anderen Menschen auf Leben vorgegangen werden! Das widerspricht allem, wofür ich an diesem Sonntag auf dem Platz stand.

Grundrechte gelten für alle

Es ist nicht meine Aufgabe, mit Gewalt gegen Meinungen und Menschen vorzugehen. Für Strafwürdiges wie Schützenswertes gibt es Gesetze – und nicht umsonst wurden am Sonntag immer wieder die Grundrechte zitiert. Stattdessen ist es meine Aufgabe als Christin, in Liebe zu handeln. „Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe“ (1. Korintherbrief, Kap. 16, V. 14), ermutigt die Jahreslosung. Ich kenne kein Beispiel, in dem aus Hass irgendwann einmal Liebe entstanden wäre.

Mein Konfirmationsspruch erinnert mich außerdem daran, dass Gott uns „einen Geist (…) der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit“ gegeben hat (2. Timotheusbrief, Kap. 1, V. 7). Immer wieder bin ich auf Gottes Nachhilfe in diesen Disziplinen angewiesen, um wirklich aus diesem Geist heraus zu handeln. Einem Menschen das Recht auf Leben abzuerkennen, gehört nicht in diese Kategorie der Liebe und des Friedens – ganz egal, welchen (politischen) Anstrich eine solche Parole trägt.

Ich wünsche mir, dass der Mut zu deutlichen Worten auf den Demos unseres Landes in keinem Widerspruch steht zur Liebe und zum Respekt gegenüber meinem Nächsten.

Geistlich wach bleiben!

Dafür brauche ich Gottes Geist, der mein Bewusstsein schärft, wenn andere sich (oder ich mich) in Worten und Tun verrannt haben und eine klare Korrektur erforderlich ist. Denn bei aller Widerrede gegenüber mir unerträglichen Positionen will ich nicht vergessen: Auch der andere ist ein Geschöpf Gottes. Auch die andere trägt eine unantastbare Würde in sich. Anders kann ich Engagement und Glauben nicht denken. Protest nicht ohne Achtung dieser Würde des anderen zu leben – dazu gebe Gott die Weisheit und die Erkenntnis!


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Susanne Entschel

Susanne Entschel ist Pfarrerin im östlichen Harzvorland. Die schönen Ecken ihrer neuen Heimat entdeckt sie beim Wandern und Reiten. Gleichzeitig schlägt ihr Herz international: Während des Studiums und im Vikariat war sie in Israel und Australien unterwegs. Immer wieder freut sich sich, weltweit mit vielen besonderen Menschen im Glauben verbunden zu sein.

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Ein Gedanke zu “„Keine Gewalt!“ gilt auch für Demokratie-Demos

  1. Vielen Dank, Susanne, für diese klarstellenden Worte!
    „Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe!“ (JAHRESLOSUNG 2024) – möge das unser Markenzeichen bleiben!

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