Mein heiliger Moment in der fast leeren Kirche

Stell dir vor, es ist Gottesdienst und (k)einer geht hin: Susanne Entschel ist Pfarrerin im Osten, auf dem Land, und ist in der Dorfkirche von Gottes Gegenwart überrascht worden.

Leere Kirche

Dass unsere evangelischen Gottesdienste hier im östlichen Harzvorland gut besucht werden, ist schon lange nicht mehr selbstverständlich. Aber neulich standen der Orgelspieler und ich als Pfarrerin in einem unserer Dörfer vor verschlossener Kirchentür, als wir ankamen. Dinge zu vergessen ist menschlich, das passiert. Auffällig war aber, dass die verschlossene Tür bis zehn Minuten vor Beginn des Gottesdienstes niemandem sonst auffiel – denn bis dahin kam niemand. Dann rettete uns ein Mann, der noch seinen Kirchenschlüssel von zuhause holte. Mit ihm waren wir zu dritt: Wir überlegten, oben auf der Orgelempore Musik zu hören, ein Lied zu singen, gemeinsam zu beten und einen Segen zu sprechen.

„Fürchte dich nicht!“: Überrascht von einem heiligen Moment

Während unser bisher einziger Gottesdienstteilnehmer die Glocken läutete, zündete ich die Altarkerzen an – und in diesem Augenblick überraschte mich die Heiligkeit dieses Moments. Gott war spürbar anwesend in dieser fast leeren Kirche und er war ansprechbar für meine Fragen, Zweifel und Gedanken.

Mein Blick fiel auf das Pult, das an der Seite stand. Auf dem angebrachten Parament stand: „Fürchte dich nicht“. In der Bibel lesen wir diese Worte immer wieder, die Hirten in der Heiligen Nacht hörten sie und viele andere gottesfürchtige Menschen auch. Aber diesmal sprachen sie zu meinem Herzen: „Fürchte dich nicht!“ Rein rational hatte ich ganz viele Fragen: an unsere Gottesdienste, an die Präsenz von Kirche in unseren Orten und daran, warum hier eigentlich niemand in unsere Gottesdienste kommt. Aber mitten in den Fragen spürte ich plötzlich: Gott ist hier – mitten unter uns.

Gott segnet auch zwei oder drei …

Als ich gerade zur Empore hochgehen wollte, um dort mit dem Organisten und unserem Gottesdienstteilnehmer zu singen und zu beten, kamen doch noch zwei weitere Dorfbewohner in die Kirche. Sie hatten die Glocken gehört. Und so feierten wir Gottesdienst immerhin mit drei, dann mit vier Teilnehmenden, denn die eigentliche Schlüsselverantwortliche war in ihrem Garten aufgeschreckt und doch noch zur Kirche geeilt.

Durch den Gottesdienst trug mich das: „Fürchte dich nicht!“ Diese Worte erinnern mich daran: Solche heiligen Momente schafft allein Gott! Zwei oder drei kann er segnen, selbst wenn ich gar nicht mehr damit gerechnet habe. Manchmal kommt es doch anders, als ich es anfangs angenommen habe.

In Fragen, Unsicherheit verortet mich das bei Gott

Und die Antworten auf meine Fragen? Die werden wir nur gemeinsam mit ihm finden.

Denn ich habe den Eindruck (und nicht nur ich), dass das System Kirche im Umbruch ist. Bisherige Formate (wie so mancher Gottesdienst) funktionieren nicht mehr wie bisher. Die Kirchlichkeit ist hier bei uns im östlichen Harzvorland schon lange nicht mehr selbstverständlich. Strukturen werden verändert, Gemeindeverbände werden vergrößert, in den Gemeinden müssen wir umdenken und überlegen, wofür unsere Kräfte noch reichen. Tatsächlich wird immer wieder auch nach neuen Formen gesucht, etwa in den Erprobungsräumen der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, in Gemeinden gibt es mehr Freiheit Neues auszuprobieren, es gibt tolle, frische Konzepte und trotzdem suchen wir und suche ich an so vielen Stellen noch nach einem guten Umgang mit der Gegenwart, damit die Zukunft der Kirche hoffnungsvoll gestaltet werden kann.

Aber mitten in all dem Fragen und der Unsicherheit verorten mich solche heiligen Momente wie dort in der Dorfkirche immer wieder bei Gott. Sie geben mir neue Hoffnung, lassen mich weitergehen, weiterarbeiten und weiterhoffen, dass auch für die Zukunft unserer Kirche gilt: „Fürchte dich nicht!“

Kirche auf dem Land – Begegnungen mit Gott und Geschichten vom Reich Gottes, erlebt von Pfarrern und Pfarrerinnen auf dem Land. 

Susanne Entschel

Susanne Entschel ist Pfarrerin im östlichen Harzvorland. Die schönen Ecken ihrer neuen Heimat entdeckt sie beim Wandern und Reiten. Gleichzeitig schlägt ihr Herz international: Während des Studiums und im Vikariat war sie in Israel und Australien unterwegs. Immer wieder freut sich sich, weltweit mit vielen besonderen Menschen im Glauben verbunden zu sein.

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