„Über meinem Leben steht Heilung“

Als Mädchen abgelehnt, gedemütigt und missbraucht, erlebt eine Frau, wie Jesus sie in ihrem Sein bestätigt und gesund liebt. Silvia Jöhring-Langert berichtet von ihrer denkwürdigen Begegnung mit Jutta auf einem GGE-Seminar.

Frau mit Soonenaufgang

Nach der Lockdown-Phase, in der alle Tagungshäuser geschlossen hatten, konnte im August wieder ein erstes GGE-Seminar stattfinden. Endlich! Die Teilnehmer kamen aus der ganzen Bundesrepublik nach Krelingen in die Lüneburger Heide, um „Dankbarkeit als heilsamen Lebensstil“ zu entdecken – ein Seminar, das wegen der Pandemie dreimal hatte verschoben werden müssen.

Neben intensiven Lobpreiszeiten und lebensnahen Vorträgen steht immer auch die Begegnung miteinander im Zentrum. Viele interessante, kommunikative Menschen nehmen wertvolle Impulse für sich und ihre Gemeinden mit nach Hause. Und manchmal finde auch ich als Referentin eine Perle, einen Schatz, ganz nebenbei. Von so einer kostbaren Begegnung möchte ich berichten.

Beim letzten Mittagessen in Krelingen kam ich mit Jutta ins Gespräch. Diese Unterhaltung wurde für mich zur intensivsten Erfahrung des ganzen Wochenendes. Wieso konnte diese Frau nach so viel Schmerz und Leid im Leben Dankbarkeit empfinden?, fragte ich mich im Stillen. Anklage und Bitterkeit wären eher normale Reaktionen gewesen. Aber lassen wir sie selbst erzählen. Ihre Geschichte mit Jesus beginnt mit einem Bibelvers aus der Begegnung des reichen Jünglings mit Jesus …


Jutta erzählt ihre Geschichte

Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb“ (Evangelium nach Markus, Kap. 10, Vers 21). Dieser Vers trägt mich schon mein ganzes Leben mit Jesus.

Meine Erinnerung an meine Kindheit ist verbunden mit einem „Nicht-gesehen-Werden“ und mit Ablehnung. Meine Eltern wollten mich nicht, dazu hatte ich in ihren Augen auch noch das „falsche Geschlecht“. Sie sagten mir Dinge, die ich irgendwann selbst glaubte: „Ein Mädchen, eine Heulsuse wollten wir nicht.“

„Du bist schuld …“: Auch das hörte ich immer wieder. Wenn meine Geschwister etwas angestellt hatten, war ich schuld, denn ich hatte ja nicht aufgepasst. Dafür gab es Schläge mit dem Rohrstock. Wenn sich meine Eltern stritten, war ich schuld, und weil ich keine Heulsuse sein wollte, verbot ich mir zu weinen. Einer meiner Leitsätze war: „Niemand bringt mich zum Weinen.“ Und das schaffte ich auch.

Meine Sehnsucht geliebt und angenommen zu sein, hatte ein Nachbar wohl gesehen. Er vermittelte mir, dass er mich gern hatte, und missbrauchte mich einige Jahre. Das verdrängte ich vollständig. Ich wunderte mich immer nur, dass ich so „komisch“ war: Ich sehnte mich  nach Berührung und konnte sie doch kaum ertragen. Erst als ich 50 Jahre alt war, deckte Jesus durch eine seelsorgerliche „12- Schritte-Gruppe“ vieles aus meiner Vergangenheit auf – in seiner liebevollen Art und Weise.

Durch diesen Missbrauch kamen noch mehr Scham- und Schuldgefühle in mein Leben. Ich lehnte mich schließlich selbst ab, hasste mich sogar und versuchte ein Junge zu sein. Ich wollte mir das Leben nehmen, tat es aber nicht aus Angst, am Ende nicht tot zu sein und wieder von meinem Vater verprügelt zu werden.

Als Teenager trifft ein Bibelvers ihr Herz

Zwischen 15 und 17 Jahren fing ich an, in der Bibel zu lesen. Als ich im Markusevangelium von der Begegnung Jesu mit dem reichen Jüngling las: „Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb“, da hatte ich nur den Wunsch, die Bitte, die Sehnsucht, dass das doch für mich gelten würde. Ich sagte zu Jesus: „Wenn es stimmt, dass du mich anschaust und mich liebst, dann beweise es mir, dann will ich an dich glauben.“ Und Jesus ließ sich darauf ein.

Als erstes zeigte er mir, dass er mich als Mädchen wollte. Ich lernte ein Mädchen zu sein und trug ein paar Jahre lang nur noch Röcke und Kleider. Und immer wieder erlebte ich, dass Jesus mich liebevoll ansah. Ohne Vorwürfe. Nie bezeichnete er mich als Abschaum. Bis heute erlebe ich es, dass in seinem Blick nur Liebe und Fürsorge ist.

Auch als meine Ehe in die Brüche ging, mein Mann nichts mehr von mir wissen wollte und ich mich wie ein alter, hingeschmissener Lappen fühlte, als mein Glaube mehr aus Zweifel als aus Vertrauen bestand, schaute Jesus mich an, gab mich nicht auf und liebte mich. Er stellte mir Geschwister zur Seite, die für mich mit glaubten. Sie und Jesus richteten mich wieder auf, bis ich wieder lebte und neue Freude in mein Leben kam. Sollte ich da meinem Herrn nicht dankbar sein?

Sie kann endlich wieder weinen

Weil ich nie weinte, sagten andere, ich sei eiskalt. Irgendwann glaubte ich es auch. Bis ich einmal zu Jesus sagte: „Du darfst mit mir machen, was du willst.“ Es war, als würde eine Staumauer brechen. Ich konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten, geriet außer Kontrolle. Ich verstand zuerst nicht, was passierte, und schämte mich. Bis ich begriff, dass das Weinen ein Geschenk Gottes und eine Folge meines Gebetes war – und heute bin ich eine „Heulsuse“! Ich bin geheilt, die Mauer der Kontrolle ist zerbrochen.

Ich lernte, meinen Eltern zu vergeben: das Böse, die Lügen, die mein Leben prägten, die Schläge, die Ablehnung. Und ich konnte durch Jesus lernen, ihren eigenen Schmerz zu sehen, ihre Not und Kaputtheit. Jahre später konnte ich auch dem Mann vergeben, der mich missbraucht hatte, und nochmal Jahre später konnte ich ihn sogar der Gnade Gottes anbefehlen. Das hat mich ganz neu staunen lassen und mein Herz mit Dankbarkeit erfüllt.

 „Heilung“ steht als Überschrift über meinem Leben. Immer wieder zeigte Jesus mir, wie sehr er mich liebt, wie kostbar und wertvoll ich in seinen Augen bin, egal was andere über mich denken und ich selbst über mich denke. Und Jesus ist immer noch dabei mich zu heilen – er geht so behutsam mit mir um. Deshalb kann ich mich verletzbar machen und auch herzlich über mich lachen. Weil Jesus mich liebevoll anschaut, konnte ich es wagen zu lieben. Ich lernte authentisch zu leben.

Sie hat heute ein großes Herz für Kinder – auch „schwierige“

Heute kann ich sagen: Gott hat mein Herz groß gemacht, besonders für Kinder. Ich habe sie einfach lieb. Zuerst natürlich meine eigenen. Ich habe aber in der kirchlichen Kinder- und Jugendarbeit auch viele kennengelernt, denen es ähnlich ging wie mir als Kind – abgelehnt, wenig geliebt, manche scheinbar den Eltern egal: Die konnte ich verstehen und sie auch dann noch liebhaben, wenn sie total unmöglich waren und aggressiv reagierten. Ich konnte ihnen zuhören, ihre Sorgen und Nöte hinter ihrer Wut erkennen. Ich lernte, sie mit Gottes Augen zu sehen und ihnen nahezubringen, wie lieb Gott sie hat.

Später habe ich auch mit Kindern gearbeitet, die in ihrer christlichen Familie ein Zuhause hatten und geliebt wurden, da gestaltete sich Kinderarbeit total anders. Weil sie schon viel von Jesus wussten, konnte ich ganz anders von Gott und seiner Liebe reden. Bei manchen durfte und darf ich sehen, wie sie sich von Gott gebrauchen lassen und ihren Glauben leben. Dafür bin ich Jesus so dankbar!


Ich freue mich sehr, dass ich Jutta auf unserem Seminar kennengelernt habe. Freunde aus ihrer Gemeinde hatten ihr die Teilnahme als Anerkennung ihres großen Engagements geschenkt. Es war mir eine Ehre, dass sie dieses Geschenk bei uns eingelöst hat und ich ihre bewegende Lebensgeschichte hören konnte – und nun mitteilen darf.

Silvia Jöhring-Langert

Silvia Jöhring-Langert ist Diakonin und leitet die Seminararbeit der GGE Deutschland. Sie lebt in Westfalen.

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