Vier Gründe, warum es der Heilige Geist bei uns so schwer hat

In der Kirche ist höchstens an Pfingsten mal vom Heiligen Geist die Rede. Warum hat es der Geist Gottes in Deutschland so schwer, während weltweit die Pfingstkirchen boomen? Swen Schönheit findet vier Gründe.

Logo Komm, Geist Gottes!

Pfingsten ist vorbei und nun geht es Richtung Sommer. War’s das mit dem Heiligen Geist, bis wir ihn in einem Jahr wieder „hervorholen“ und ihm, dem Kirchenjahr entsprechend, seine Nische zuweisen? „O, komm, du Geist der Wahrheit“, haben viele in den Gottesdiensten mitgesungen. Kaum jemand scheint darüber zu stolpern, dass in einem Dutzend Kirchenlieder unseres Gesangbuchs der Heilige Geist direkt angesprochen wird. Kann man mit ihm reden, ihn bitten? Lässt er sich einladen? Und woran merkt man, dass er wirkt?

Der Heilige Geist ist in deutschen Kirchengemeinden ein Stiefkind …

Theologen der vergangenen Jahrzehnte haben von der „Geistvergessenheit“ der Kirche gesprochen. Er scheint auch in den meisten Gemeinden ein Stiefkind zu sein: Er gehört irgendwie dazu, wird aber nicht beachtet. Er hat seine Nische zu Pfingsten. „Man weiß eigentlich so wenig über den Heiligen Geist“, höre ich immer wieder von Gemeindegliedern. Leidet Kirche und Gemeinde im Tiefsten an „Geist-Mangel“? Haben wir uns mit einem Bildungsnotstand im Blick auf das Pfingstgeschehen abgefunden?

… weltweit aber boomen Pfingst- und charismatische Kirchen

Der Heilige Geist scheint es besonders in Deutschland schwer zu haben. Zumindest in der westlichen Welt. Bestätigt wird dies durch eine Studie der EKD, die kürzlich erschien: „Vom Blickpunkt des globalen Südens aus boomt das Christentum und ist faktisch die sich am schnellsten ausbreitende Religion der Welt“, heißt es in der Orientierungshilfe „Pfingstbewegung und Charismatisierung“ (2021). „Christlich zu sein bedeutet in diesen Kontexten häufig die Zugehörigkeit zu einer Pfingstkirche oder einer evangelikalen bzw. charismatischen Kirche.“ So würden derzeit „etwa ein Viertel der Weltchristenheit einer Pfingstkirche oder einer charismatischen Erneuerungsbewegung“ angehören.

In Deutschland jedoch wird das Thema „Heiliger Geist“ immer noch mit spitzen Fingern angefasst. Oder die Rede von ihm wird derartig verwässert, dass Gottes Geist quasi im Menschen aufgeht: „Pfingsten erinnert uns daran, dass wir uns begeistern lassen können.“

Warum hat es der Heilige Geist nur so schwer in Deutschland? Ich sehe vier Gründe:

1. Das Erbe der Aufklärung

Die Aufklärung mit ihrem humanistischen Bildungsideal hat die menschliche Vernunft zum Maß aller Dinge erhoben. Damit vollzog sich auch ein Bedeutungswandel im Blick auf den „Geist“: er wird nun mit Bildung und menschlichem Verstand gleichgesetzt („geistreich“). Das Wirken des Geistes reduziert sich auf eine Idee von Gott oder es bleibt subjektive Gefühlssache. Mit der Aufklärung kam es „zu einer folgenschweren Säkularisierung des Geistes“ (Walter Kasper). Bis heute spielt der Heilige Geist keine wesentliche Rolle bei Fragen nach der Zukunft der Kirche in unserem Land.

2. Martin Luther und die „Schwärmer“

Die Reformation im 16. Jahrhundert bestand aus vielfältigen und auch widersprüchlichen Bewegungen. Neben Martin Luther und den namhaften Reformatoren gab es sowohl politische Bewegungen, die soziale Gerechtigkeit einforderten, als auch „Geistbewegungen“, die wir heute als charismatischen Aufbruch bezeichnen würden. Luther grenzte sich teilweise zu Recht gegen „Rotten und Schwärmer“ ab. Zugleich überwarf er sich aber mit anderen, wie dem Reformtor Kaspar von Schwenckfeld, der die Bedeutung der Geistesgaben für die Erneuerung der Kirche betonte. Seine „Abwehr des Enthusiasmus“ führte in der evangelischen Kirche langfristig zu einer geradezu „dogmatischen Angst vor dem Heiligen Geist“ (Wolfgang Trillhaas).

3. Die „Berliner Erklärung“

Mit dem Aufbruch der Pfingstbewegung auch in Deutschland verbanden sich große Hoffnung auf eine Neubelebung der Christenheit. Nachdem eine Veranstaltungsreihe in Kassel im Sommer 1907 entgleiste, verabschiedeten fast 60 Verantwortliche aus Kreisen der Evangelischen Allianz 1909 eine „Berliner Erklärung“. Darin heißt es: „Die sogenannte Pfingstbewegung ist nicht von oben, sondern von unten … Es wirken in ihr Dämonen, welche, vom Satan mit List geleitet, Lüge und Wahrheit vermengen, um die Kinder Gottes zu verführen.“ Dieses kompromisslose Urteil über die junge und noch unausgereifte Pfingstbewegung wurde maßgeblich unter den „Frommen“. Die Angst vor Ansteckung durch den „Schwarmgeist“ hinderte Generationen an einer neuen Offenheit für die Gaben des Geistes.

4. Das „Dritte Reich“ als pervertierte Erweckung

Adolf Hitler adaptierte einiges an Sprache und Ausdrucksformen aus der jüdisch-christlichen Tradition, um seine Bewegung religiös aufzuladen. Deutschland erlebte im Nationalsozialismus eine Art „Erweckung“, die jedoch aus dämonischen Quellen inspiriert war, eine Art Pseudo-Messianismus. Hingabe und Opfer, Leidenschaft und Begeisterung, all dies steht seitdem unter Generalverdacht. Wir haben uns quasi gründlich verausgabt. Hier scheint mir ein weiterer Grund zu liegen, dass Enthusiasmus mit Jubel und Gesang zwar im Fußballstadium „normal“ ist, mit religiösem Bezug jedoch kritisch betrachtet und abgelehnt wird.

Wir brauchen neue Begeisterung durch den Geist!

Der Heilige Geist und echte Begeisterung? In Deutschland immer noch ein schwieriges Feld! Die Skepsis bleibt – trotz jährlich wiederkehrendem Pfingstfest. „Sie aber lehnten sich auf und beleidigten immer wieder seinen Heiligen Geist“ (Buch des Propheten Jesaja, Kap. 63, V. 10) – ob der Himmel auch so über Deutschland seufzt?

Es wird Zeit, den Heiligen Geist neu in unserem Land einzuladen: „Komm, Geist Gottes, und zerbrich alle Mauern, die deinem Wirken unter uns im Wege stehen!“ Möchtest du das zu deinem Gebet machen? „Tut nichts, was den Heiligen Geist traurig macht!“ (Paulus im Brief an die Epheser, Kap. 4, V. 30). Im Gegenteil: „Lasst das Feuer des Heiligen Geistes in euch immer stärker werden!“ (Brief an die Römer, Kap. 12, V. 11).

Neugierig auf den Heiligen Geist? 
Wer er ist, wie er wirkt, wie man mit ihm lebt und wie man ihn einlädt: 
www.komm-geist-gottes.de

Vom Autor zum Thema:

Buchcover „Komm, Geist Gottes“ von Swen Schönheit

Swen Schönheit: 
Komm, Geist Gottes!“ – Wie eine Einladung alles verändert
Der neue Kurs für Gemeinde, Gruppe und Selbstentdecker.

212 Seiten, 17 x 24 cm, veredelte Klappbroschur, dreifarbig mit vielen Illustrationen, EUR 18.00

Erhältlich im Buchhandel: ISBN 978-3-9818340-3-1 oder direkt beim GGE Verlag

Aktions-Homepage zum Buch

Swen Schönheit

Swen Schönheit ist evangelischer Pfarrer in Berlin-Heiligensee und theologischer Referent der GGE Deutschland.

Alle Beiträge ansehen von Swen Schönheit →

2 Gedanken zu “Vier Gründe, warum es der Heilige Geist bei uns so schwer hat

  1. Dranbleiben in der Bitte um den Heiligen Geist. Was mich als jungen Christen beeindruckt (und überzeugt) hat, war der Bericht eines Wycliff-Bibelübersetzers aus Nepal:
    Er durfte die Übersetzungsarbeit nur unter der Bedingung tun, dass er nicht missionierte. Während seines Heimaturlaubs wollten im Bergdorf sein Übersetzungshelfer und seine Freunde wissen, ob Apg 2 wirklich echt war. Sie kamen zusammen und beteten – die 3/4 Nacht durch. Irgendwann vor Tagesanbruch kam der Hl.Geist mit Feuer wie an Pfingsten. Das halbe Dorf bekehrte sich. Der Hindupriester, ein Feind des Übersetzers und seiner Arbeit, konnte ihn nicht verklagen – er war außer Landes.
    Dranbleiben.

  2. Vielen Dank für diesen klärenden und vertiefenden Text, der mir aus der Seele spricht! Ja, das will ich zu meinem Gebet machen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.