In Hannoversch Münden ist 400 Jahre nach Massaker und Kriegsverbrechen ein ökumenischer Friedensweg beschritten worden. Von Henning Dobers.

„Mündener Friedensbild“ von Uwe Hentze.
„Lenke unsere Schritte auf den Weg des Friedens“ (Lukasevangelium, Kap. 1, V. 79)
Das Pfingstfest des Jahres 1626 ging in die Geschichte der Stadt Hannoversch Münden als „Blutpfingsten“ ein. Die kleine, an drei Flüssen gelegene Stadt wurde in den Dreißigjährigen Krieg hineingezogen. Truppen des katholischen Feldherrn Tilly stürmten innerhalb weniger Stunden die Stadt, nachdem die dort stationierte dänische Garnison sich mehrfach geweigert hatte zu kapitulieren. Als wenige Tage nach der Eroberung ein Pulverturm explodierte, richteten die siegreichen Soldaten ein entsetzliches Massaker unter der Bevölkerung an. Hemmungslos wüteten die Sieger und metzelten erneut alles grausam nieder, was sie vorfanden: Alte, Kinder, Schwangere, Männer, Frauen, Kranke … Anschließend sollen die Flüsse rot gewesen sein vom Blut der Erschlagenen, derer man sich auf diese Weise entledigte (ein schonungsloses, schwer zu ertragendes historisches Zeugnis der Ereignisse hier).

Massaker hinterließ Ruinen in Stadt und Seelen
Die Ereignisse brannten sich sowohl bei den Überlebenden und deren Nachkommen als auch im emotionalen Gedächtnis der Stadt ein. Wie Dresden 1945 zu einer Topografie des Schreckens wurde, müssen wir uns wohl einen Großteil der Stadt Münden Mitte des 17. Jahrhunderts vorstellen: über einen langen Zeitraum hinweg als ein Bild der Zerstörung – und das vor allem auch in den Seelen der Menschen. Die St. Aegidien-Kirche blieb 60 Jahre lang eine Ruine. Eine ganze Generation erlebte diese Kirche nur so. Es dauerte weitere 40 Jahre, bis der ebenfalls zerstörte Kirchturm wieder aufgebaut war. Mehr als 100 Jahre nach dem Massaker kam erstmals wieder eine Gemeinde in dieser Kirche zusammen.
Bild: Belagerung von Münden 1626
Christen übernehmen geistlich Verantwortung
In den Jahrhunderten danach war dieses Massaker nicht wirklich aufgearbeitet worden. Als die Stadt im vergangenen Jahr beschloss, jenes Trauma anlässlich des 400-jährigen Gedenkens bewusst zu thematisieren, wurde mir sofort klar: Es bestand eine geistliche Notwendigkeit, hier aktiv mitzuwirken. Die Verantwortlichen in der Stadt nahmen das gern auf und luden zur Mitwirkung ein.
Insbesondere die Zahl 400 erinnerte mich an das Ende einer Knechtschaft, das Ende einer Zeit der Bedrückung: Lebte doch das biblische Volk Israel 400 Jahre als Sklaven in Ägypten (vgl. 1. Buch Mose, Kap. 15, V. 13). Auch der Begriff „Blutpfingsten“ machte deutlich, dass hier eine nicht aufgearbeitete Blutschuld noch immer wie ein Gift bis in die Gegenwart hineinwirkte. Ich ahnte: Möglicherweise hatte die Gleichgültigkeit der Menschen gegenüber dem Evangelium und die spürbare „Decke“ über unserer Stadt mit diesen Ereignissen zu tun und es hatte eine Art „spirituelle Imprägnierung“ stattgefunden, in dem Sinn, dass Religion und Glaube gefährlich sein mussten und man sich innerlich lieber davon fernhalten sollte. Der verhängnisvolle Dreißigjährige Krieg hatte seinen Ursprung in konfessionellen Streitigkeiten. Es war eindeutig, dass wir als Christen hier handeln mussten.
Gemeinsam den Heiligen Geist eingeladen und Versöhnungswege beschritten
Christen aller Konfessionen und Denominationen – Lutheraner, Reformierte, Katholiken, Freikirchler – haben sich deshalb in Hannoversch Münden zusammengetan und einen ökumenischen Friedensweg beschritten (vgl. NDR-Bericht, ab Min. 4.40). Sehr schnell wurde uns klar: Wir feiern nicht, wir gedenken. Wir erinnern nicht nur, wir brauchen Versöhnung und Heilung. Und das alles ganz bewusst in der Woche vor Pfingsten, immer verbunden mit der Bitte: „Komm, herab, o Heil‘ger Geist, der die dunkle Nacht zerreißt, strahle Licht in diese Stadt …“ (Pfingstsequenz, um 1200, hier eine moderne Vertonung). Wir wollten diesen so ganz anderen Heiligen Geist proklamieren und einladen. Wir wollten dies gemeinsam tun. Fünf Tage lang haben wir uns an „verletzten Orten“ in ökumenischer Verantwortung getroffen, um an Ort und Stelle öffentlich zu informieren (mit Stadtarchivar Stefan Schäfer), zu beten, zu singen. Wir haben uns identifiziert mit der Geschichte unserer Stadt und der Region, wir haben um Vergebung, Heilung und Erneuerung gebetet und uns verpflichtet, für Versöhnung einzutreten.
Begonnen haben wir im Garten der St. Aegidien-Kirche, wo bis heute im und am Gebäude die Spuren von Zerstörung und Wiederaufbau sichtbar sind.
Der hiesige Künstler Uwe Henze hat am gesamten Friedensweg teilgenommen und seine Eindrücke und Gedanken in einem „Mündener Friedensbild“ Gestalt werden lassen.
Fünf Tage lang haben in dieser Woche täglich die Glocken der örtlichen Kirchengemeinden geläutet. Immer um 16.26 Uhr (symbolisch für das Jahr 1626), immer vier Minuten lang (symbolisch für die 400 Jahre).
Video: Läuten von Hand in St. Aegidien.
Genau auf der Mitte der Wegstrecke haben wir sichtlich erlebt, wie sich der Himmel öffnete. Wenige Minuten vor dem Gebet bildete sich für kurze Zeit ein leuchtender Regenbogen exakt über unserem Ort. Als wir nach dem Gottesdienst aus der Kirche herauskamen, war ein neuer Regenbogen entstanden, diesmal ein doppelter!

Rechts: Information und Gebet an einem der „verletzten Orte“, mit Stadtarchivar Stefan Schäfer (li.) und Pastor Ernst-Ulrich Göttges. Fotos: H.Dobers / priv.
Gewachsenes Vertrauen, Heilung der Erinnerung
An Pfingstmontag wurde als Abschluss unter freiem Himmel ein ökumenischer Gottesdienst gefeiert, wo wir bereits beim Aufbauen den „Tau des Himmels“ (vgl. Psalm 133, V. 3) auf unseren Füßen spürten. Gott ist da. Gott kann toxische und traumatisierte Geschichte heilen. Gottes Geist verändert Herzen und Haltungen. Zwischen den handelnden Personen ist neues Vertrauen und neue Verbundenheit gewachsen. 400 Jahre nach dem verheerenden „Blutpfingsten“ ist Heilung der Erinnerung geschehen. Dank sei Gott!

Ökumenischer Gottesdienst am Pfingstmontag (v. li.): Pfr. Henning Dobers (Stiftung St. Aegidien), Martin Stell (kath.), Gerit Vogeley (kath.), Superintendentin Marit Günther-Menzel (ev.-luth.), Pfr. Jacek Kubacki (röm.-kath. Pfarrgemeinde St. Elisabeth), Pastor Andreas Salzmann (Kraft-Werk-Kirche), Bürgermeister Tobias Dannenberg, Dr. Diro Ayana, Pastor Andreas Risse (Ev.-luth. Stadtkirchengemeinde Münden), Pastor Ernst-Ulrich Göttges (Ev.-ref. Gemeinde Hann. Münden), Künstler Uwe Hentze. Foto: B. Sangerhausen

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