Können wir angesichts der russischen Aggression Pazifisten bleiben? In wenigen Tagen ist Hans-Joachim Scholz wieder in der Ukraine unterwegs. Er lässt uns an seinem Nachdenken über Krieg und Frieden teilhaben.

Seit Beginn des Ukraine-Krieges im Februar 2022 findet in unserer Gemeinde im nördlichen Schwarzwald das Friedensgebet statt, immer montags um 18 Uhr. Immer wieder war und bin ich seit Februar 2023 in der Ukraine unterwegs und mache mich am 25. Juli wieder mit einer Reisegruppe auf den Weg (s. Infokasten, über die Reisen berichte ich hier). Und immer wieder denke ich an eine Begegnung mit Dzvinka in Uschgorod in der Westukraine zurück, fast auf den Tag genau vor drei Monaten …
Am Freitag nach Ostern stehen viele kleine bunte Buden, Zelte und Verkaufstische unter den Platanen am Ufer des Flusses Usch, von dem die Stadt Uschgorod an der Grenze zur Slowakei ihren Namen hat. Mittendrin ein Roll-up: schwarzweiß, mit dem Bild von Danilo Boguslavski und einer Drohne. Die Überschrift: Drohnenrache. Daneben steht Dzvinka hinter einem Tisch, eine Aufklärungs- und eine Sprengdrohne vor sich. Ihr Mann ist Kriegsinvalide, sitzt zuhause. Getroffen hat ihn ein Splitter von der Drohne, die seinen Freund umgebracht hat. Sie sammelt Geld. Privat, für Drohnen. Sie sind Lebensretter, weil sie den Feind abwehren helfen. Wenn sie besser und schneller sind. Wenn die Drohnenpiloten nicht zögern … zu töten.
Ich denke an die Nachricht, dass in Deutschland die besten Drohnen gebaut werden. Überhaupt: Das Geschäft mit der Rüstung boomt. Unsere Regierung beschließt eine strategische Partnerschaft mit der Ukraine. Unsere Soldaten sollen von den kampferfahrenen Ukrainern lernen … So weit bin ich innerlich schon, dass ich sehe: Die Ukrainer halten für uns nicht nur den Rücken hin. Ich habe Vitali vor Augen, 32 Jahre alt – seelisch gebrochen, zwei Krücken, in Reha. Ich bete nicht nur um Frieden, sondern um einen gerechten Frieden, um einen „Sieg“ – so wie es unsere ukrainischen Glaubensgeschwister tun.
Da steckt mein Freund Miroslav einen Geldschein in Dzvinkas Spendenbox. Ich zucke zusammen. Denke nach: „Ich geb’ ihr lieber was persönlich …“ Ich greife nach meinem Geldbeutel. „Dzvinka, das ist für dich!“, sage ich und will ihr 20 Euro geben. Sie geht zur Seite und zeigt auf die Box. Ich kann der Entscheidung für die Drohne nicht ausweichen …
Ich begreife: Es geht um mehr. Zeitlebens stand ich nie vor der Frage, einen Beitrag zur Verteidigung unseres Landes, unserer Freiheit, unseres Friedens leisten zu müssen. Theoretisch war ich immer überzeugt: Unsere Politik muss „Frieden schaffen ohne Waffen“. – „Wandel durch Handel.“ Jetzt sind die Feinde der Demokratie in der Lage, uns mit ihren Waffen zu bedrohen, zu überfallen, zu terrorisieren.
Nach wie vor kann ich im Krieg nichts „Heiliges“ oder „Gerechtes“ sehen. In einer Videokonferenz mit Friedensethikern, einem ehemaligen evangelischen Militärbischof und Pfarrern wurden die Friedensdenkschriften der EKD von 2007 und 2025 diskutiert. Ich habe gefragt, inwieweit sie Erfahrungen beispielsweise von ukrainischen Feldkaplanen kennen und bedenken konnten …?
Wadim Ballman ist ukrainischer jüdischer Militärseelsorger. Er zeigt mir ein Video, wo er mit 200 Soldaten Feldgottesdienst hält. „Was predigst du?“ – „Ich muss ihnen sagen, dass wir mit Recht unser Land verteidigen und den Aggressor hinauswerfen müssen. Sie sind Diebe, die töten und stehlen. Freiwillig gehen sie nicht heim.“
Serghij sagt mir, er habe sich entschieden, zu seinen Brüdern an die Front zu gehen. Als griechisch-katholischer Militärkaplan. Mit Einverständnis seiner Frau – sie haben einen achtjährigen Sohn. Drei Wochen später schickt er mir Bilder, wie er an seine Soldaten die Kommunion austeilt. Sie haben sich gerade etwas ausgeruht vom Schießen. Kurz darauf geht’s weiter. Es reicht nicht, dem Töten eine Rechtfertigung zu geben. Wer hier den Finger krumm macht, weiß, dass Blut fließt, Leben zerstört wird. Darf Absolution sein? Muss sie nicht sogar sein?
Ich denke an unsere Enkel. Drei Buben zwischen 15 und 23 Jahren. Was sagt ihnen der Großvater, der nie eine Waffe in der Hand hatte? Beteiligen wir uns an der Diskussion über die Bundeswehr, über die NATO, über den Wehretat?
Von den Ukrainern habe ich gelernt, meine Worte zu wiegen. Ich rede nicht mehr von der „Unsinnigkeit des Krieges“, während in unserem Land mehr Waffen denn je produziert werden. Ich sage umgekehrt auch nicht, dass Krieg einen Sinn hat. Das ist mir zu abstrakt.
Angesichts der russischen Aggression gegen die Ukraine und der Bedrohung des „Westens“ dürfen wir der Frage nach unserer „Wehrhaftigkeit“ nicht ausweichen. Haben wir die Kraft und den Mut zum entschlossenen Widerstand gegen diese reale Bedrohung, die faktische Aggression und Unerbittlichkeit eines tatsächlichen Feindes? Wie bereiten wir uns vor – geistlich, auch moralisch? Wir – also unser Staat, unsere Gesellschaft – haben nicht wirklich die radikal-pazifistische Option, die Einzelnen zugebilligt werden muss. Welche speziell christlichen Werte sind unverzichtbar? Wie denken und reden wir über „den Feind“ – ohne Hass und Fluch? Und: „Wer das Schwert nimmt, der wird durchs Schwert umkommen“, sagt Jesus (Matthäusevangelium, Kap. 26, V. 52) – ja, damit müssen wir rechnen. Dafür braucht es nicht nur Trost, sondern – wenn schon nicht „Sinn“, so doch Rechtfertigung.
Klar ist: Niemand kommt ohne Schuld aus einem Krieg heraus. Auch wer sein Land mit der Waffe verteidigt und Christ ist, kann das nur mit Glauben und Gottvertrauen. Besonders hinsichtlich dessen, wie sich Verwundung, Traumatisierung, Tod auf Ehe und Familie auswirken: Das Bibelwort „Einer trage des andern Last“ (Galaterbrief, Kap. 6, V. 2), wird hier enorm wichtig.
Und was geschieht, wenn dieser Krieg aufhört? Dann wird es umso mehr um Vergebung, um Heilung, um „Ent-Lastung“ gehen müssen. Und die tiefe, alte Wunde zwischen dem westlichen Europa und der russischen Welt verlangt dann erst recht (und noch mehr) nach Aufmerksamkeit, Demut und Wahrhaftigkeit.
Wo sind die Träger dieser Hoffnung? Wo sind die Botschafter der Versöhnung mit Gott, aus der Versöhnung zwischen den Menschen werden kann? Wo sind die Freunde Jesu, die die Verwundeten besuchen, die Kranken heilen, die Nackten kleiden? Wir ahnen, dass wir noch viele weitere „Versöhnungs-Wege“ gehen werden.
Die Versöhnungswege gehen weiter Bitte begleitet unsere dritte Gebetsreise in die Ukraine (25. Juli bis 2. August 2026) im Gebet. Wir sind mit evangelischen, katholischen, freikirchlichen und messianisch-jüdischen Glaubensgeschwistern aus verschiedenen Ländern unterwegs. Wir beten um Heilung für die Ukraine und für Europa. Christus ist unser Friede (Eph 2,14)! Unsere Stationen: Iwano-Frankiwsk: öffentliches Zeichen für Israel als das bleibende Volk Gottes auf dem Hauptplatz. Wir erinnern an das Leiden im 2. Weltkrieg, gedenken der Opfer, bekennen Antisemitismus als Sünde und beten um Frieden. – Tscherniwzi: Gebet mit einer jüdischen und messianischen Gemeinde. – Kamjanez-Podilskyj: Arbeit am Massengrab (für ein würdiges Gedenken), wo am 27. und 28.8.1941 23.600 Juden ermordet wurden. Gebet mit Christen vor Ort, Besuch der jüdischen Gemeinde. – Winnyzja: Besuch bei Rabbi Schaul und gemeinsames Gebet für seine diakonische Arbeit mit jüdischen Binnenflüchtlingen. – Brazlaw: früher bedeutendes chassidisches Zentrum und Ort zahlreicher Pogrome. Wir beten an der Stelle, wo 1942 Hunderte Waisenkinder ertränkt wurden. Zum Hintergrund: 1994, 1995 und 2001 hat die GGE Deutschland mehr als 30 „Versöhnungs-Wege“ initiiert und begangen, unter anderem nach Polen, Frankreich, Russland, Italien, Griechenland und Estland. Insgesamt nahmen mehr als 600 Personen daran teil. Anlass war das 50-jährige Ende des 2. Weltkrieges.

von
Lieber Hans,
vielen DANK für Deinen Beitrag.
Wir haben in Deutschland einen aus meiner Sicht geistlichen und wichtigen Bischof und Erzbischof
METROPOLIT MARK – Michael ARNDT – Oberhirte der Russisch-Orthodoxen Kirche im Ausland (ROKA) in Deutschland. Leitet die Diözese München. Es wäre Wert mit ihm Kontakt aufzunehmen. Wir sollten für ein Russland nach Putin und dem Ukraine-Krieg Versöhnungswege aufbauen. Über Metropolit Mark von Berlin findest Du den Zugang zu ihm. Liebe Grüße Lorenz