„Lasst uns über unser geistliches Defizit sprechen“

Was lockt uns als evangelische Kirche in die Zukunft? Von Häutungen, den Chancen als Minderheit und verengten Diskussionen spricht Thomas Schlegel mit Eva Heuser und blickt auf fast ein Jahr als Direktor von midi.

Herr Schlegel, Ihr berufliches Leben ist sehr eng mit dem Thema Mission verknüpft: Sie waren Referent am Zentrum für Mission in der Region (Greifswald), haben die Erprobungsräume der Ev. Kirche in Mitteldeutschland (EKM) 2014 bis 2022 geleitet, arbeiten in der Forschungsstelle für Missionale Kirchen- und Gemeindeentwicklung (Uni Halle) mit und leiten seit Sommer 2025 midi, die Ev. Arbeitsstelle für missionarische Kirchenentwicklung und diakonische Profilbildung. Wieso ist Mission für Sie so wichtig?

Die Bedeutung von Mission ist mir schon früh klargeworden: Ich bin in der DDR aufgewachsen und war der Einzige in der Klassenstufe, der konfirmiert wurde. Christsein war nicht selbstverständlich und Kirche niemals etwas, was alle machen. Ich musste mich argumentativ rechtfertigen und erklären. In der Minderheit zu sein, ist insofern für mich ein Normalfall von Kirche und Glauben. Und dabei gehört Mission selbstverständlich dazu: Wir erzählen, worum es geht, wir werben dafür, wir leben ausstrahlungsstarkes Christentum. Wir laden ein, ohne jemanden zu vereinnahmen oder zu überfordern. 

Im evangelischen Raum spricht man ungern von Mission. Der Begriff ist für viele „kolonial verbrannt“. 

Ich erlebe im Westteil Deutschlands eine viel stärkere Zurückhaltung gegenüber Mission. Historisch gesehen ist Mission aus einer Machtposition heraus geschehen und man hat heute Angst, andere zu manipulieren oder ihnen etwas überzustülpen. Aber ich war als Kind Teil einer Minderheit und immer in der schwächeren Position. In einer solchen Minderheitensituation agierst du als Schwächerer und musst dich zeigen: sonst gehst du unter. Mission gehört für mich deshalb selbstverständlich dazu. Meine persönliche Geschichte hat dann später auch zu einer inhaltlichen und theologischen Auseinandersetzung mit Mission geführt.  

Wir geraten ja wieder in eine Minderheitensituation, aber unter anderen Vorzeichen.

Spannend ist hier, was der französische Soziologe Yann Raison du Cleuziou über den Katholizismus in Frankreich sagt. Es gebe ihn in zwei Spielarten: In der älteren Generation als Mehrheit, worauf eine Mehrheiten-Pastoral antwortet. Diese versucht die Unterschiede zur Gesellschaft zu nivellieren – unter dem Motto: ‚Es ist ja gar nicht schlimm, katholisch zu sein.‘ In der jüngeren Generation sind die Katholiken eine Minderheit. Die Pastoral versucht da, die Unterschiede stark zu machen, um nicht in der säkularen Mehrheit zu verschwinden. In diesen Zusammenhang stellt er den Zuwachs an Taufen, der zeigt, dass der Katholizismus für junge Leute wieder attraktiv ist. Dieser Shift in Richtung Minderheitensituation verändert etwas im Bewusstsein und Handeln und macht eine Glaubensrichtung wieder interessanter.

Kirche könnte im Schrumpfungsprozess also auch bei uns wieder attraktiver werden. Die EKM hat mit ihren Erprobungsräumen, die Sie von Beginn an geleitet haben, für mächtig frischen missionalen Wind gesorgt. Wieso ist der Osten innovativer als der Westen?

Der Mantel, den wir als evangelische Kirche im Osten nach der Wende getragen haben, hat nicht zu uns gepasst – nämlich Volkskirche mit viel Geld zu sein, privilegiert und pensioniert, an der Seite des Staates. In gewisser Weise wurden wir mit dem westdeutschen Modell „gekauft“. Es war bequem und angenehm – aber der richtige Platz für eine prophetische Kirche? Das bezweifle ich. Ich habe den Eindruck, dass wir diese „Schalen“ nach und nach wieder ablegen, weil wir das Volks-Staats-Kirchenmodell in der großen Peripherie und der starken Säkularisierung gar nicht leben können. Mit den Erprobungsräumen haben wir eine dieser Schalen abgelegt und ermutigt, eine neue Art Kirche zu sein, zu finden und auszuprobieren. Dass das dann auch in den alten Bundesländern und in anderen Kirchen solch eine Resonanz findet, hätten wir nicht gedacht.

Liegen in den tiefgreifenden kirchlichen Strukturveränderungen auch Chancen für Mission?

Absolut. Unsere Chance als Kirche ist, dass wir uns häuten. Inzwischen funktioniert dieses Modell der „staats-analogen Volkskirche“ bundesweit nicht mehr. Man muss deutlich sagen, dass so eine Häutung auch ungemütlich wird. Aber das Reich Gottes hat immer wieder verschiedene Formen gefunden. Man kann das Alte nicht festhalten, indem man Privilegien sichert. Ich würde mir wünschen, dass wir die Diskussion als Kirche nicht so strukturverengt führen. Das macht mich wirklich verrückt! Wir haben ein theologisches Defizit, wir haben ein geistliches Defizit! Lasst uns darüber reden. Ich kann es nicht mehr hören, dass es immer nur um Organigramme und Strukturen geht. Wenn das das einzige Thema ist, kommen wir nicht zum Eigentlichen. Die Organisation müssen wir re-organisieren. Aber bitte geräuschlos im Hintergrund!  

Diese Sorge teilen wir in der GGE Deutschland (s. „Geistesgegenwärtig“ 4/2024).

Für wen sind wir Kirche? Was haben wir eigentlich für einen Auftrag? Diese Fragen kommen in den Debatten überhaupt nicht auf. Das kann nicht sein. Auch wirtschaftlich gesprochen muss man die Struktur vom Auftrag her denken und nicht umgekehrt.

Wo sehen Sie im Raum der Kirche am meisten Leben?

Das ist eine wirklich gute Frage. Ich sehe tolles gemeindliches Leben in den Kirchenkreisen. In Pforzheim habe ich mir das neue Modell der Kinderkathedrale angeguckt. Ich sehe Kirche Kunterbunt, ich sehe Erprobungsräume, ich sehe viele diakonische Sachen, die mich beeindrucken. Der Kindergarten hier um die Ecke macht eine missionarische Arbeit mit Kindern … und, und, und. Da läuft viel, viel Gutes und das wird viel zu wenig gezeigt (auch das resultiert vielleicht aus den Strukturdebatten). Auf EKD-Leitungsebene sehe ich immer mehr Leute, die einen sehr pragmatischen und funktionalen Zugang haben und die EKD als Dienstleister für die Gliedkirchen einordnen (die wiederum Dienstleister für die Gemeinden sind) und sich nicht als Machtinstitution aufspielen wollen, die „von oben regiert“. Auch unsere Präses Anna-Nicole Heinrich habe ich als fromme Person erlebt, die über ihren Glauben spricht und mit Alltagsworten plausibel machen kann, warum sie Christin ist. Toll. Es gibt also überall Menschen, die ihren Glauben so leben, dass es ansteckt.

Das Leben spielt ja an der Basis, in Initiativen, Projekten, Gemeinden. An bestimmten Orten lebt außerdem eine ungewöhnlich breit aufgestellte Ökumene auf, wie sie vor vielleicht 20, 30 Jahren noch undenkbar gewesen wäre. Zum Beispiel bei „United Praise“ von Evangelischer Kirche der Pfalz, Bistum Speyer, Vineyard Speyer und katholischer Gemeinschaft Chara. Oder beim Kongress „Mission is possible“ am 19. und 20. Juni 2026 in Augsburg, wo Evangelische, Katholische, Freikirchliche und Orthodoxe gemeinsam an Bord sind. Warum aber funktioniert das andernorts nicht?

Je weniger wir werden, umso besser wird auch die Ökumene funktionieren. Das kann man im Osten sehr schön beobachten: Hier gibt es kaum das typische Hickhack zwischen Gemeinden und Konfessionen. Ein Zweites spielt bei „Mission is possible“ eine Rolle: Da geht es nicht so sehr um konfessionelle Eigenheiten in der Lehre, sondern um Frömmigkeitsstile – wie ich meinen Glauben lebe, welche Worte ich benutze und welche Lieder ich singe, also ein Stück weit ästhetische Präferenzen, die wiederum das Milieu widerspiegeln, aus dem ich komme. Mein Eindruck ist, dass die Verwerfungen hier letztlich viel größer sind als das Trennende zwischen den Konfessionen: Ich zum Beispiel gehe hier in Erfurt regelmäßig in eine Freie evangelische Gemeinde, mit deren Pastor ich freundschaftlich und durch eine ähnliche Frömmigkeit verbunden bin, während wir uns konfessionell unterscheiden. Dazu kommt: Gesellschaftliche Debatten und Spaltungen wie durch „Corona“ oder die AfD haben die Stimmung so aufgeladen, dass mittlerweile auch die christliche Landschaft hoch politisiert ist und diverse „Brandmauern“ gezogen werden. Unglücklicherweise auch in Bezug auf „Mission is possible“ oder Johannes Hartl. Unabhängig vom Frömmigkeitsstil schwingt also stets eine politische Dimension mit; das ist eine brisante Mischung.  

Politisch kommen auch die USA hinzu und die gefährlichen Machtfantasien, die manche Christen um Trump entwickeln. Man kann in der Öffentlichkeit allein deshalb angegriffen werden, weil man sich mit Christen eine Bühne teilt, die von Dritten negativ gelabelt werden (egal, ob zu Recht oder Unrecht und auch ohne jede inhaltliche Auseinandersetzung). Darauf spielen Sie ja an. Nun sind Sie als Sprecher bei „Mission is possible“ dabei. Und auch der sächsische Landesbischof Tobias Bilz ließ sich (trotz scharfer Kritik im Vorfeld) weder die Teilnahme an der UNUM24-Konferenz noch der „Mehr“-Konferenz nehmen. Zum Glück.

Wichtig ist mir und für uns als midi, dass wir Gespräche führen und Kanäle offenhalten. Außerdem kann ich bei den Dingen, die ich von Johannes Hartl kenne, nichts Anstößiges finden. Er hat familienpolitisch eine konservative Grundausrichtung – die ich auch an vielen Stellen teile –, aber darüber streitet ja schon keiner mehr. Es geht nur darum, mit wem er wo geredet hat. Das kann ich nicht nachvollziehen. Vielleicht ist das (darüber habe ich mich auch einmal mit Tobias Bilz ausgetauscht) ein Vermächtnis meiner DDR-Vergangenheit, so eine Art ideologischer Kopfschmerz: Wenn mir jemand sagt, „du darfst nicht so denken!“ oder „du darfst mit dem nicht auf der Bühne stehen!“ oder „hier musst du dich abgrenzen!“, kriege ich Schnappatmung. Stasi-Verdacht! Ich finde: Wir müssen in der Sache streiten, auch wenn es unangenehm ist, sonst passieren doch genau die Dinge, die wir jetzt beobachten. So verstehe ich Demokratie, die wir doch schützen wollen: Wenn wir schon vorher alle einer Meinung sind, brauche ich sie doch gar nicht. Zur Demokratie gehört das Gespräch und gehören keine Trennlinien, die ich schon vor dem Gespräch ziehe, sodass es gar nicht zur Debatte kommt. Die Debatte zu umgehen ist außerdem ziemlich feige.

Sie haben natürlich völlig recht. Die Medienbeiträge, die Christen in extreme Ecken stellen, nehmen zu und mancher meiner Journalistenkollegen macht da leider einen richtig schlechten Job. Auch aus wirtschaftlichem Druck wird die eine oder andere reißerische Überschrift produziert.

Polarisierung verkauft sich halt gut. Was kann man Johannes Hartl denn vorwerfen? Sicher, er hat „Nius“ ein Interview gegeben. Was ich von diesem Sender weiß, teile ich überhaupt nicht. Aber in den Worten von Johannes Hartl war Evangelium drin.

Sie blicken jetzt auf fast ein Jahr als Direktor von midi zurück. Welche Bilanz ziehen Sie?

Großartige Arbeitsstelle! In der Form bräuchten wir noch viel mehr. Genau richtig ist auch, Diakonie und Kirche zusammenzubringen, das gehört zusammen. Und dann noch das Thema Mission – super. Wir haben ein tolles Team und die richtigen Themen. Für mich persönlich ist es genau der richtige Ort.

Was ist Ihr Herzensprojekt?

Was ich mir wünsche: dass wir Entwicklungen in der Kirche nicht nur von der Organisationslogik her verstehen, sondern geistlich deuten und theologisch beurteilen. Da schlägt mein Herz. So finde ich unsere Toolbox Gremienspiritualität großartig, die dabei helfen will, im organisatorischen Planen Freiräume für Gottes Reden zu finden. Oder die Fortbildung „Transformationsprozesse geistlich begleiten“, die zwei Kolleginnen jetzt machen. Außerdem schlägt mein Herz für die Zukunft. Es gibt ein visionäres Defizit in unseren evangelischen Kirchen. Alles, was uns dazu einfällt, bleibt stark innerkirchlich-strukturell und am Alten orientiert: „Zukünftig gibt es nicht mehr drei Pfarrstellen in der Region, sondern nur noch eine.“ – „Diese Gebäude müssen wir abstoßen“ und so weiter. Das lockt doch keinen, sondern führt nur zu Abwehr und Besitzstandswahrung. Wir müssen uns Aufbruchsgeschichten erzählen: Die von Abraham, der ins verheißene Land auszog, obwohl er nicht wusste, wo es hingeht, und der wahrscheinlich vieles für seine Reise aufgeben musste. Was lockt uns weg aus Haran, dass wir gern aufbrechen, uns darauf freuen, auch wenn wir dafür einige Schmerzen hinnehmen müssen? Wir sollten Gottes verheißene Zukunft an den Horizont malen. Das fehlt uns und da möchten wir als midi helfen, mitdenken, Tools zur Verfügung stellen, damit Gemeinden diese Zukunft für sich finden und visionär werden. Es braucht Vision.

Was lockt Sie persönlich in die Zukunft der Kirche?

Dass wir als Kirche wieder ehrlicher sind und mehr bei der Sache. Dass uns Gott und der Nachbar wieder wichtiger sind als die Organisation, die ständig mit Geld und Materie gefüttert werden muss. Wir haben uns in den letzten Jahrzehnten viel Bauchspeck angefressen und es dient unserer Gesundheit, wenn wir manches davon wieder loswerden. Das macht Kirche nachhaltiger und überlebensfähiger. Das lockt mich in die Zukunft.

Vielen Dank für das Gespräch!

19. – 20. Juni 2026
Kongress: „Mission is possible“ – u.a. mit Dr. Thomas Schlegel


Wie Mission heute funktioniert, lotet der ökumenische Kongress „Mission is possible“ in Augsburg (Kongress am Park) aus, u.a. mit Nicky Gumbel (Alpha-Kurs), Prof. Dr. Dr. Roland Werner (Lausanner Bewegung), Dr. Thomas Schlegel (Ev. Arbeitsstelle f. missionarische Kirchenentwicklung u. diakonische Profilbildung, midi), Dr. Johannes Hartl (Gebetshaus Augsburg), Prof. Dr. Mihamm Kim-Rauchholz (Liebenzeller Mission) und Bischof Dr. Stefan Oster (Passau). Zahlreiche Personen berichten aus ihren Kirchen und Projekten und diskutieren, wie missionarische Erneuerung (auch in der Großkirche) gelingen kann.
Lobpreis mit Veronika Lohmer (Gebetshaus Augsburg), am Samstagnachmittag stehen zahlreiche Workshops zur Auswahl. Start ist am Freitag, 19. Juni, mit dem Check-In ab 17 Uhr, der Kongress endet am Samstag, 20. Juni, nach der Abendveranstaltung ca. um 22.30 Uhr.
Zum Trägerkreis gehören Leitende der Ev. Allianz in Deutschland, des Gebetshauses Augsburg, von Jugend mit einer Mission und CVJM Esslingen sowie weitere aus dem katholischen, orthodoxen, evangelischen und evangelisch-freikirchlichen Raum.
Alle Infos u. Tickets: www.missionispossible.org

Thomas Schlegel

Pfr. Dr. Thomas Schlegel ist Direktor der Ev. Arbeitsstelle für missionarische Kirchenentwicklung und diakonische Profilbildung (midi) in Berlin. Er lebt mit seiner Familie in Erfurt und hat 2014-2022 die „Erprobungsräume" der EKM geprägt und geleitet.

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