Es ist Zeit zu säen

Hat die Kirche in Deutschland einen Winter zu bestehen, bevor Glaube wieder keimt und wächst? Philipp Kurowski blickt nüchtern und hoffnungsvoll auf den Status quo.

Es gibt viele gute Gründe, sich um die Zukunft der evangelischen Kirche Gedanken zu machen. Die Mitgliederzahlen sinken. Nicht nur demographisch, weil wir mehr Mitglieder beerdigen als wir taufen. Es treten auch mehr aus als ein. Und der Trend macht keine Anstalten sich zu drehen.

Es muss auch eingeräumt werden – und für uns in der Geistlichen Gemeinde-Erneuerung ist das eine bittere Erkenntnis –, dass es kaum Wachstum gegen den Trend gibt. Auch nicht in frommen Gemeinden.

Das soll nicht bestreiten, dass es Gemeinden gibt, die man als wachsende Gemeinden wahrnimmt, bei denen der Gottesdienstbesuch nicht einbricht, sondern zunimmt, die erfolgreich Glaubenskurse anbieten, Hauskreise und Kleingruppen, Familienfreizeiten, Kinderbibelwochen und wirklich das sprühende Leben sind.

Aber auch dort schwindet die volkskirchliche Basis in einem Tempo, gegen das unsere kleinen Missionserfolge wie ein Tropfen auf dem heißen Stein wirken. Oder wie das meine Schwester von der Insel Föhr in ein Bild fasste: „Philipp, wenn die Flut kommt, kannst du im Watt Dämme und Burgen bauen, so viel du willst, du wirst das Wasser nicht aufhalten. Und wenn die Ebbe einsetzt, kannst du Gräben und Seen buddeln, so viel du willst, am Ende ist das Wasser weg.“

Das klingt jetzt ernüchternd, vielleicht fatalistisch. Viele sagen deshalb sogar, die Volkskirche müsse man aufgeben und die Zukunft des Christentums läge in den Freikirchen. Dort gäbe es noch echtes Wachstum. Aber auch da trügt der erste Blick. Wie Philipp Bartholomä in seinem Buch „Gemeinde mit Mission“ herausarbeitet, wachsen Freikirchen in hohem Maße horizontal: Sie gewinnen Christen von anderen Kirchen und Gemeinschaften. Die Bekehrung echter „Heiden“ macht nur einen Bruchteil (8 Prozent) ihres Wachstums aus. Was nichts anderes bedeutet als: Stirbt die Volkskirche, versiegt auch der Pool, aus dem die Freikirchen den Löwenanteil ihres Wachstums gewinnen. Die Ebbe zieht auch ihnen das Wasser ab.

Der nüchterne Blick entlastet uns auch

Diese sehr nüchterne Sicht könnte zutiefst frustrieren. Aber sie hat auch etwas Entlastendes: Erstens brauchen wir für den Niedergang nicht den oder die Schuldigen zu suchen. Ohne Frage wird in unserer Kirche viel Mist gebaut. Laue Predigten, die zum Ausspucken sind (vgl. Offenbarung, Kap. 3, V. 15-16), Gesetzlichkeit, die Menschen ausgrenzt, und regelrechte Verbrechen, wenn man an die Missbrauchsfälle denkt. Es gibt nichts zu beschönigen und viel zu vergeben. Aber dass wir ohne diese Fehler, Schwächen und Verbrechen eine blühende und wachsende Kirche wären, darf bestritten werden. Für Buße gibt es viele Gründe, für das Mit-dem-Finger-auf-andere-Zeigen keinen Anlass (ich habe gerade über den Pharisäer und den Zöllner aus dem Lukasevangelium, Kap. 18, V. 9-14, gepredigt).

Und die zweite Entlastung: Wenn wir durch unser Buddeln im Watt die Tide nicht aufhalten, geschweige denn ändern können, brauchen wir uns auch nicht mit einem Gemeindeaufbauprogramm nach dem anderen abarbeiten, innerlich ausbrennen und womöglich noch unsere besten und treuesten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verheizen. „Let it be“ sind dann „words of wisdom“ (The Beatles).

Noch mehr kämpfen – oder aufgeben? Weder noch …

Aber umgekehrt kann es doch nicht sein, dass wir uns unserem Schicksal ergeben, das Strampeln aufgeben und uns in den Tod treiben lassen?

Gehen wir einen Schritt zurück zu dem, was uns eigentlich immer Orientierung gibt: Was ist denn die biblische Sicht, die uns helfen könnte, nicht aus der Agonie in die Apathie zu fallen?

Mich hat im Urlaub eine Predigt in der St. David’s Cathedral in Wales inspiriert. Es wurde über die Acker-Gleichnisse von Jesus gepredigt (im Matthäusevangelium, Kap. 13). Und plötzlich war mir klar: Wir leben in einer Zeit der Saat. Nicht des Wachstums und auch nicht der Ernte. „Winter is coming“ – um aus G.R.R. Martins A Song of Ice and Fire (verfilmt als Game of Thrones) zu zitieren – und zumindest wir Menschen werden ihn nicht aufhalten. Es wird wohl in vielen Kirchengebäuden dunkel und kalt werden. Es werden hier und da noch Kerzen brennen, es werden sich Menschen sammeln um Gottes Wort und Jesu Sakrament. Es wird gesungen und gebetet werden, Menschen werden Hilfe erfahren – all das wird nie ganz aufhören. Aber es wird Dörfer, ganze Landstriche geben, wo man die Christen suchen muss, will man sie finden. Ein geistlicher Winter kommt, eine Ebbe oder eine Dürre, biblische Bilder dafür gibt es genug (z.B. in 1. Mose 41; 1. Könige, Kap. 17-19; bei den Propheten Jeremia, Jesaja und Haggai oder in den Psalmen).

Säen wir aus! Und vertrauen die Saat Gott an

Und das können wir tun: Saat in die Erde bringen. Und da sind gerade wir Volkskirchen mit unserer Reichweite gefragt, aber letztlich braucht es jede Christin, jeden Christen: Wir haben Säcke voll mit guter Saat und noch sind genug Menschen da, sie auszubringen. Und das ist ja das Ermutigende an Philipp Bartholomäs Studie: Menschen, die schon einmal Kontakt zu Gottes Wort hatten, sind ansprechbar für die Evangelisation von morgen. Nach dem Winter kommt wieder ein Frühling und dann kommt es darauf an, was gesät wurde.

Wir brauchen keine Wachstumsprogramme, wir brauchen Aussaatprogramme. Bringt Gottes Wort, biblische Geschichten, Gottes Segen, Gebet und Lobpreis, Werke der Nächstenliebe unter das Volk. Achtet vor allem auf die Kinder und Jugendlichen. Erwartet nicht gleich Wachstum und Früchte. Sondern vertraut Gott eure Saat an, dass sie wachsen wird zu seiner Zeit. Auch Paulus musste damit zufrieden sein, dass womöglich jemand anderes Wachstum und Ernte sehen wird dessen, was er ausgesät hatte (1. Korintherbrief, Kap. 3, V. 6-9; auch Jesus im Johannesevangelium, Kap. 4, V. 36).

Gemeinsam unterwegs sein und als Kirche erreichbar

Wir sollten Geduld haben und Gottvertrauen. Treu sein in dem, was uns aufgetragen ist. Strukturen schaffen, die winterfest sind. Die gute Saat säen und sie Gott anvertrauen. Gemeinden als Orte der Gnade gestalten statt als Hochleistungsexzellenzbetriebe. Unbedingt ökumenisch denken und danken für jeden, der mit auf dem Acker steht. Ausgrenzung und Vereinzelung sind keine gute Strategie, wenn der Winter kommt, wir müssen zusammenrücken.

Wir dürfen die Ortsgemeinden nicht aufgeben, sondern müssen sie, wo es irgend geht, als lebendige Zellen erhalten und sie von Aufgaben entlasten, die nur bei Hochleistungsexzellenzbetrieben Sinn ergeben. Das ist auch eine Frage an den Staat, ob er nicht die volle finanzielle und organisatorische Verantwortung für Kindergärten, Altenheime, Krankenhäuser, Friedhöfe und Baudenkmäler übernehmen muss, wenn der Partner, der das oft mit viel Ehrenamt und Herzblut gemanagt hat, einfach nicht mehr kann. Diesem Partner die inhaltliche Gestaltung zu überlassen, reicht völlig.

Darüber hinaus brauchen wir überregionale Strukturen, die einerseits die Versorgung der Fläche zu sichern versuchen, damit Kirche erreichbar ist, wenn sie gebraucht wird. Aber dazu brauchen wir auch inhaltliche Angebote für die verstreuten Christinnen und Christen. Wir brauchen Konfi-Camps mit vielen Jugendlichen, die das Gefühl der Vereinzelung überwinden. Wir brauchen – wie hier im Norden – Tagungen wie Willow Creek oder unsere GGE-Nord-Tagungen in Breklum, die Impulstage in Hamburg, die Zeltlager in Parchim/Slate. Alles Anlässe, die Aussaat für junge Menschen leisten und den verbliebenen Hauskreisen und Kleingruppen von Gemeinden ohne Pastorin oder Pastor einen Ort der Gemeinschaft geben, wo sie neue Lieder lernen, wo sie Seelsorge erfahren und wo sie gute Lehre hören.

Gebet!

Wenn wir also in dieser Zeit der Saat die Hände in den Schoß legen, dann zum Gebet. Wenn der Winter kommt und die Kirche geht in die Knie, dann zum Gebet. Denn wir glauben an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen, die Auferstehung von den Toten und das Ewige Leben.

Philipp Kurowski

Dr. Philipp Kurowski ist ev.-luth. Pastor der Landgemeinde Magdalenen Nordwestangeln (bei Flensburg) und engagiert sich in der GGE Nord.

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