Dem Lockruf rechtsextremer Sirenen widerstehen

Unter den Menschen, die sich in Medien und Politik nicht mehr repräsentiert und mit ihrer Meinung an den Rand gedrängt sehen, sind auch Christen. Reiner Fröhlich, langjähriger Gemeindepfarrer in Westfalen, nimmt diese Gefühlslage wahr. Er ermutigt Mitchristen, sich nicht der Angst oder Wut zu ergeben. 

Wenn ich ein Problem sehe, eine ungute gesellschaftliche Entwicklung, eine schwierige Gemengelage, wie wir sie auch im Erstarken radikaler Ränder und im Zulauf erkennen, den extreme Parteien auch bei manchen meiner Mitchristen haben, dann schaue ich zuerst in die Bibel, um mir Rat zu holen. Was finde ich dort?

Ich sehe zunächst, dass Jesus in viele Konflikte mit den Hohenpriestern, mit manchen Schriftgelehrten und manchen Pharisäern geriet. Als er seine Jünger aussandte, bereitete er sie deshalb auf Konflikte vor:

„Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe. […] Ihr werdet gehasst werden von jedermann um meines Namens willen. […] Haben sie den Hausherrn Beelzebul genannt, wieviel mehr werden sie seine Hausgenossen so nennen!“
– Matthäusevangelium, Kap. 10, V. 16, 22 u. 25

Dann sehe ich, dass Jesus seinen Jüngern für diese Konflikte göttliche Verheißungen und Gebote mit auf den Weg gab:

„Sorgt nicht, wie oder was ihr reden sollt; denn es soll euch zu der Stunde gegeben werden, was ihr reden sollt. Denn nicht ihr seid es, die da reden, sondern eures Vaters Geist ist es, der durch euch redet.“
– Matthäusevangelium, Kap. 10, V. 19 u. 20

„Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen.“ 
– Lukasevangelium, Kap. 6, V. 27 u. 28

Es ist also nichts Unnormales, dass Jesusnachfolger in der Gesellschaft wegen ihrer Überzeugungen ausgegrenzt, benachteiligt, verfolgt oder sogar an Leib und Leben bedroht werden. Das gehört zum Glauben laut Jesus dazu. Jesus hat das ja selbst erlitten, so wie viele andere Propheten und Fromme vor ihm und nach ihm. Jesus erkennt hier an, dass es uns Menschen frustriert, wenn uns wegen unseres Glaubens kleine oder große Dinge angetan werden.

Aber was sagt Jesus dazu? Erstens: Der Heilige Geist ist bei euch. Zweitens: Segnet, die euch verfluchen. Der Apostel Paulus greift das auf:

„Segnet, die euch verfolgen; segnet, und verflucht sie nicht.“
– Römerbrief, Kap. 12, V. 14

Ich bin 67 Jahre alt, Christ, und vertrete manch eine konservative Ansicht. Wenn ich nun ein Nachfolger dieses biblischen Jesus bin: Wie könnte ich mich von der AfD oder anderen Rechtspopulisten angezogen fühlen, die uns doch nur das Gegenteil dessen anbieten, was Jesus für uns hat? Statt ihre Feinde zu lieben und andere zu segnen, stacheln sie auf und lenken uns davon ab zu erkennen, wes Geistes Kind wir werden. Sie verführen uns dazu, ihr populistisches Weltbild zu übernehmen, das nur noch in „wir“ und „die“, in „Freund“ und „Feind“ einteilt. Dann sprechen wir pauschal und ohne Abstufungen oder Grauzonen von den Flüchtlingen, den Moslems, den Politikern, den „Altparteien“, den Klima-Hysterikern, den Woken … und alle sind unsere „Feinde“.

Populisten knüpfen dabei an Themen an, die uns „abholen“. Rechtspopulisten docken bei uns Frommen gern an ethische Themen an wie Gender-Mainstreaming, Queerness, Abtreibung … und nach und nach mischen sie rechtsextreme Ansichten bei. Am Ende dieser Entwicklung stehen im schlimmsten Fall Glaubensgeschwister, die ihre Wut und ihren Hass als eine Art „heiligen Zorn“ oder sogar „christlichen Widerstand“ missdeuten und sich in Verschwörungstheorien ergehen. In den USA ist das leider besonders offenkundig, aber wir erkennen diese Dinge auch bei uns.

Doch wir sind Kinder der Hoffnung, nicht des Hasses: Denn unser Herr ist auferstanden! Jesus lebt mitten unter uns! Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Der Heilige Geist ist ausgegossen. Er wirkt Bekehrungen, Heilungen und schenkt Prophetien. Der Herr wird wiederkommen und sein ewiges Reich aufrichten.

Wenn ich das tief in mir trage, kann ich frustriert sein und mit Sorge auf unsere Gesellschaft blicken – all das und sehr viel Schlimmeres erlebten die Nachfolger Jesu in Jerusalem und die Gläubigen in Rom auch. Dann kann ich mich ärgern über einen Zeitungsartikel oder eine Fernsehsendung, wo mir eine steife Brise von Benachteiligung, Ausgrenzung oder Diffamierung entgegenweht. Aber gleichzeitig kann ich den starken Wind des Reiches Gottes spüren, der mich umweht, mir den Rücken stärkt und mich nach vorn schiebt. Wie es der Prophet Elisa sagte:

„Fürchte dich nicht, denn derer sind mehr, die bei uns sind, als derer, die bei ihnen sind!“
– 2. Könige, Kap. 6, V. 16

Ballen wir unsere Hände nicht zur Faust (auch nicht in der Wahlkabine). Bringen wir unseren Frust und Ärger im Gebet zu Jesus und lassen ihn von Jesus verwandeln.

Öffnen wir unsere Hände nach oben und lassen wir uns gemeinsam erfüllen vom Heiligen Geist: von seiner Liebe, seiner Freude, seinem Frieden, seiner Geduld, seiner Freundlichkeit, seiner Güte, seiner Treue, seiner Sanftmut, seiner Besonnenheit.

Reiner Fröhlich

Reiner Fröhlich ist Pfarrer in der Ev. Kirchengemeinde Kierspe, Märkischer Kreis (Westfalen).

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