Ukraine: Tränen und geöffnete Türen

Vor zwei Wochen ist Hans-Joachim Scholz von der dritten Gebetsreise in die Ukraine zurückgekehrt. Frieden und Versöhnung zeigen sich in außergewöhnlichen Begegnungen und schenken Hoffnung – dort wie hier zuhause. 

Öffentliches Gebet in Iwano-Frankiwsk: Sieben Steine symbolisierten die Bedrückungen der Menschen.

Seit Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine beten Christen, dass Frieden wird. Durch unsere Besuche in Gemeinden vor Ort, durch Gespräche mit Priestern, Bischöfen und Gemeindeleitern werden unsere Fürbitten persönlich und konkret. Zwischen 25. Juli und 2. August war unsere Gebets-Initiative „Reconciliation and Healing for Ukraine“ (dt. „Versöhnung und Heilung für die Ukraine“) nun zum dritten Mal in der Westukraine unterwegs (Berichte von den bisherigen Reisen findet ihr hier). Wir – das sind die Versöhnungsdienste der GGE Deutschland, „S‘ Lamm“, und die Initiative „Toward Jerusalem Council II“. Wir – das war jetzt eine Gruppe geistlicher Leiter und Beter aus Irland, Deutschland, Tschechien, der Slowakei, Ungarn und Rumänien.

Holocaust und Vertreibung hinterließen überall Spuren

In jedem (!) Ort finden wir große jüdische Friedhöfe, aber kaum jüdische Menschen. Insgesamt wurden in der Ukraine mehr als 2000 Massengräber identifiziert. Diese Geschichte hinter dem aktuellen Bedrohungsszenario liegt unter einem Schleier des Schweigens, der Unkenntnis und des Verdrängens: Das Leiden der Opfer, Familien und Gesellschaft unter dem russischen Angriffskrieg und seinen Folgen heute überdeckt die alten Wunden aus der Zeit des Kommunismus und erst recht des Zweiten Weltkrieges. Jeder ist irgendwie Opfer: Vertreibungen und Pogrome haben auch Polen durch Ukrainer erlitten – und umgekehrt. Durch Umsiedlungen leben sehr viele Menschen jetzt in Orten und Häusern, wo früher andere zu Hause waren.

Das zeigt auch das Beispiel von Iwano-Frankiwsk: 1939 lebten dort etwa 40% Juden, 30% Ukrainer und 30% Polen; die Juden wurden ermordet, die Polen umgesiedelt; die heutige Bevölkerung ist zu 90% ukrainisch. Eingeladen vom Bischof der örtlichen Pfingstkirche, Juri Veremi, von Rabbi Moische Leib Kolesnik, römisch- und griechisch-katholischen Priestern sowie messianischen Juden, gedachten wir gemeinsam der Opfer und beteten öffentlich für Stadt und Land: vor der Stadthalle auf dem Hauptplatz von Iwano-Frankiwsk, nur hundert Meter entfernt von der alten Synagoge. Im Anschluss lud uns die jüdische Gemeinde zum Stehempfang in die Synagoge.

Im Gebet um Frieden für die Ukraine wenden wir uns an Gott – den Vater Jesu Christi und den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, den gemeinsamen Vater im Himmel von Christen und Juden. Ihn bitten wir um Frieden in Gerechtigkeit und Gericht mit Erbarmen. Wer so betet, muss die Opfer des Stalinismus und die von den Nationalsozialisten ermordeten Juden in Erinnerung bringen und ihre Würde wiederherstellen. Wer zum Gott und Vater des Juden Jesus Christus um Frieden betet, muss Antisemitismus und Holocaust als Sünde gegen Gott bekennen und Gottes „fortdauernde Erwählung Israels“ bestätigen (wie in der katholischen Erklärung „Nostra Aetate“ und in evangelischen Denkschriften): Sie sind „im Hinblick auf die Erwählung […] Geliebte (Gottes) um der Väter [Abraham, Isaak und Jakob] willen“, schreibt der Apostel Paulus im Römerbrief (Kap. 11, V. 28).

Tscherniwzi war vor dem Zweiten Weltkrieg mehrheitlich deutschsprachig und mehrheitlich jüdisch. Neben den chassidischen Juden lebten hier viele, die Wiener Kultur, Handel und Bildung in die Bukowina brachten. Heute leben hier – geschätzt – nur noch tausend jüdische Mitbürger. Stanislava führte uns durch die Stadt, zeigte uns die alten Synagogen, das Ghettodenkmal, den ehemaligen Fleischmarkt, das nobelste Hotel der 1920er-Jahre, die Statuen der jüdischen Dichterinnen Rose Ausländer und Selma Merbaum (Meerbaum-Eisinger). Dann hörte sie uns beim Beten zu – so etwas hatte sie noch nie erlebt (und sie berichtete sofort darüber auf ihrem Blog „Bukowinaer Post“, s. Foto, benannt nach einer österreichischen Zeitung, die Ende des 19. / Anfang des 20. Jhs. hier erschien).

Stadtführung durch Tscherniwzi.

Kamjanez-Podilskyj: Beten, Arbeiten und ein unverhoffter Vorschlag

Der römisch-katholische Bischof von Kamjanez-Podilskyj, Eduard Kava, lud uns ein, im Dominikanerkloster einen Fürbitte- und Bußgottesdienst mit dem Ortspriester und verschiedenen Pastoren zu feiern. Im Keller dieser Kirche hatten Kommunisten und Nationalsozialisten etwa 20.000 Regimegegner und Juden gefoltert und ermordet. Den Schmerz und die Ohnmacht dieser Opfer, ihrer unbekannten Angehörigen und der Ortsgemeinde haben wir mit Worten und Tränen berührt, gespürt und vor unseren Vater im Himmel gebracht.

Ein Massengrab mitten in der Stadt, so groß wie fünf Tennisplätze, birgt die Körper von 23.600 namenlosen Juden – an nur zwei Tagen, 27. und 28. August 1941, von einem brandenburgischen Polizeibataillon in den Graben geschossen. Die Pastoren der Pfingstgemeinde, Serhij und Wladimir, organisierten mit den Leitern der jüdischen Gemeinde, Margarita und Sascha Rudman, zusätzliche Helfer und gemeinsam befreiten wir den Zaun um das große Gelände von Rost und gaben ihm einen schönen Anstrich. Unerwartet besuchte uns der stellvertretende Bürgermeister und sprach uns seine Wertschätzung aus. Erfreut über unsere Nachricht, dass sich die Polizeiakademie Potsdam für die Morde durch das Polizeibataillon interessiert, bat er den örtlichen Polizeichef zum Gespräch: Ob es nicht für die deutschen wie die ukrainischen Polizisten bedeutsam wäre, gemeinsam aus der Geschichte zu lernen? Ob man nicht eine kompetente Planungsgruppe bilden könnte? Wir sind gespannt, ob eine Brücke zwischen Potsdam und Kamjanez-Podilskyj geschlagen werden kann!

Nachdem uns Margarita Rudman durch ihre Synagoge und die Erinnerungsstücke in den Vitrinen geführt hatte, gaben wir ihr und der Gemeinde etwas zurück, was wir Christen schon sehr lange von der jüdischen Gemeinschaft an uns genommen hatten. Wir „gaben“ ihr Psalm 27 „wieder“: „Der HERR ist mein Licht und mein Heil …“ Unsere Herzen konnten nicht näher zusammenrücken. Sie gab jedem ein Päckchen Mazzen … mit Tränen.

Im röm.-kath. Dominikanerkloster von Kamjanez-Podilskyj.

Zaunerneuerung rund um das jüdische Massengrab.

Geöffnete Herzen und Türen

In Winnyzja empfing uns Rabbi Schaul am Ort des größten Judenmordes in der Stadt und dankte uns für unseren Besuch. Der Bischof der Kirche der Baptisten, sein Stellvertreter und der Leiter ihres Predigerseminars schlossen sich uns an in Bekenntnis und Gebet. Tags darauf führte uns der Rabbi zum jüdischen Friedhof in Nemyriw, wo man die Leichen der in der Ziegelei ermordeten Juden, darunter viele Kinder, vergraben hatte. Hier versagten Worte, aus dem Schweigen brach ohnmächtiges Weinen hervor. Rabbi Schaul spürte unsere Anteilnahme, nahm sie an (auf eine Weise „stellvertretend“ für die Opfer) und lud die gesamte Reisegruppe spontan zur Schabbatfeier in seine Wohnung ein, wo noch fünf Flüchtlinge aus dem aktuellen Kriegsgebiet bei seiner Familie leben.

Rabbi Schaul und Pfr. i.R. Hans-Joachim Scholz.

oben: Am jüdischen Massengrab in Nemyriw.
unten: Schabbatfeier zuhause bei Rabbi Schaul.

Einheit in großer Verschiedenheit erlebt

Beim Austausch der Gruppe am letzten Abend im Gästehaus der Franziskaner in Lwiw wurde uns bewusst, wie viele so ganz anders geprägte Gemeinden, so sehr verschiedene Kinder Gottes wir in dieser Woche in der Ukraine kennengelernt hatten. Es war wie ein „Familientreffen“ mit Geschwistern, von denen wir nichts wussten. Zum Beispiel in einer messianisch-jüdischen Gemeinde, in der alle miteinander etwa eine Dreiviertelstunde im Lobpreis tanzten, bis auch die letzte Muskelfaser begriffen hatte: „Jeschua ist meine Freude, meine Kraft, meine Rettung!“

Lwiw: Bewegter Lobpreis in der messianisch-jüdischen Gemeinde.

Und dann lud uns der ukrainisch-orthodoxe Priester Bohdan zum byzantinischen Abendgebet ein, von dem wir kein Wort verstanden und eine Dreiviertelstunde schweigend teilnahmen. Bohdan war der „Mund“ unserer Gebetsgemeinschaft, wir fühlten uns wie der „Leib“ (lies gern 1. Korintherbrief, Kap. 12, V. 12-27). Es war eine große Horizonterweiterung das Reich Gottes betreffend und wir spürten die Herausforderung des Apostels Paulus: „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Ehre“ (Römerbrief, Kap. 15, V. 7)!

Byzantinisches Abendgebet mit Priester Bohdan.

Warum wir tun, was wir tun

In dieser Reich-Gottes-Perspektive liegt auch die Antwort auf eine Frage, die mir Menschen zuhause in Deutschland immer wieder stellen: Wieso wir als Beter aus unterschiedlichen Konfessionen und Nationen in das vom Krieg durch Russland erschütterte Land reisen. Wieso wir dort mit römisch- und griechisch-katholischen Geistlichen, mit ukrainisch-orthodoxen Priestern, mit Pfingstpastoren, Rabbinern und messianisch-jüdischen Leitern, mit Griechisch-Orthodoxen, Baptisten und Lutheranern sowie mit Vertretern aus Politik und Verwaltung der Holocaust-Opfer gedenken, Schuld bekennen, Gedenkstätten erneuern helfen und für Frieden in der Ukraine beten. Wo ist die Verbindung zu „Geistlicher Gemeinde-Erneuerung“?

„Geistlich“ ist, dass uns erst Gottes Geist ermöglicht, einander trotz aller konfessionellen und kulturellen Verschiedenheit als Geschwister im Glauben zu erkennen. Wie Paulus schreibt: „Ihr habt einen Geist der Kindschaft empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!“ (Römerbrief, Kap. 8, V. 15). Und miteinander lernen wir, was von Gott her unsere Berufung ist: als „Botschafter an Christi statt“ der Welt zuzurufen: „Lasst euch versöhnen mit Gott!“ (2. Korintherbrief, Kap. 5, V. 20). Nur in der großen Gemeinschaft des „Leibes Christi“ (Epheserbrief, Kap. 2, V. 11-22), die Juden einbeziehend, sind wir der Aufgabe gewachsen, unseren Ländern diesen Dienst der Versöhnung zu tun. Ohne Vergebung verdirbt das Leben. Darum bezeugen wir mit unserem durch Christus versöhnten Miteinander der verwundeten, erschöpften und dem Tod preisgegebenen Welt das Heil unseres Gottes.

In diesem Geist geschieht Erneuerung der Gemeinde, wo wir unseren Horizont in Richtung der großen und weltweiten Gemeinschaft der Kinder Gottes erweitern. Seit die GGE Deutschland 1994 „Versöhnungs-Wege“ initiiert hat, spüren wir immer mehr die Notwendigkeit, die Versöhnungskraft Jesu Christi öffentlich zu verkündigen hinsichtlich gesellschaftlicher und sogar internationaler Sünden. Wer solche Versöhnungswege geht, bringt ermutigende Impulse zurück in die engere Gemeinschaft seiner Gemeinde zuhause, in das eigene Leben und an den eigenen Ort!

Was Teilnehmende der Reise sagen

Das bestätigen auch Rückmeldungen aus unserer Reisegruppe:

„Ich bin in die Ukraine gefahren, um den Enttäuschten Hoffnung zu bringen, um ein Licht an dunklen Orten zu sein, um einen göttlichen Samen im Leben von Menschen zu säen. Immer noch in Tränen um die Tausenden Unschuldigen, die ihr Leben verloren, bin ich zurückgekehrt – innerlich verändert und entschlossen, das LICHT an die dunklen Orte um uns zu bringen und ein Team aus Gläubigen aufzubauen für die Ukraine-Reise im nächsten Jahr.“
Florinel Suciu

„Je deutlicher wir begreifen, jeder Einzelne von uns, wie wertvoll wir in den Augen Gottes sind, wie sehr ER uns liebt und bereit war alles zu geben, Seinen Sohn, um uns freizukaufen, zu erlösen … wird es die Liebe zu Gott vertiefen und das Überdenken der eigenen Positionen anregen und das Miteinander unter den Christen der verschiedenen Konfessionen und Kreise stärken. Und wenn wir im zweiten Schritt tiefer begreifen als bisher, dass der ,Schatz im Acker’ Orte sind, in denen Menschen leben, der Ort ist, an dem wir leben, dann besteht die Chance, dass die ,Familie’ sich findet und die von Gott gegebene Autorität über den Ort ergreift und für den Ort, für die Stadt das Gute sucht.
Marcus Stephan Großkopf

„Ich habe mit großer Freude den gemeinsamen Abend zwischen der messianischen Gemeinde in Czernovitz (Tscherniwzi) und der dortigen jüdischen Gemeinde erlebt. Mich beschäftigt die sehnsuchtsvolle Frage, wann wird das so in Deutschland möglich sein?“
Johannes Uhlig

„Diese Gebetsreise fühlte sich wie ein Familientreffen an. Wenn jemand in der Familie eine schwere Zeit durchmacht, kommen die anderen, um bei ihnen zu sein. Während wir gemeinsam beteten, redeten, über unseren Glauben sprachen, Zäune strichen, Seite an Seite arbeiteten und Zeit miteinander verbrachten, öffnete Gott Herzen. Wieder und wieder wirkte er Wunder vor unseren Augen und bahnte einen Weg, wo kein Weg zu sein schien. Diese Woche gab uns einen Vorgeschmack auf den Himmel.“
Marianna

„Ich bin fasziniert von der Herzlichkeit der besuchten Christen. […] Ich habe für mich nachhaltige Erfahrungen gemacht, die mein Vertrauen zu Gott gestärkt haben.“
Uwe Winkler

„Noch nie habe ich innerhalb so weniger Tage so tiefe Gebetsgemeinschaften, Bußgebete, Lobpreis und Austausch mit Geschwistern unterschiedlicher Prägungen erlebt: während der Busfahrten von Ort zu Ort, an Massengräbern, in Gemeinderäumen, Kirchen und Synagogen. […] Neue, beglückende Erfahrung, spontan alles, was vor Augen und im Herzen ist, laut vor den HERRN zu bringen, ihm für Hilfe und Bewahrung zu danken, ihn zu loben für seine Treue zu seinem Volk – und abseits aller Spontaneität täglich um 9.00 OEZ [8 Uhr MEZ] für die Ukraine um Versöhnung und Heilung zu beten.“  Christian Ulandowski

„Als wir unsere Knie beugten und der ermordeten unschuldigen Juden an jüdischen Gedenkorten gedachten, hat mich tief berührt zu sehen, welche Auswirkungen das auf jüdische Leiter wie Rabbi Schaul [in Winnyzja] hatte. Von relativer Distanziertheit hin zur Öffnung seines Herzens und seines Hauses für uns, um gemeinsam Schabbat zu feiern.“
Paddy Monaghan

„Nach dem Ende unseres Treffens habe ich den Ort in Augenschein genommen, wo wir ein gemeinschaftliches Gebet mit allen Denominationen planen – ein Gebet der Buße und für Frieden in der Ukraine. Dieser Ort kann etwa 10.000 Leute fassen. Wir glauben, dass er sich mit Menschen füllen wird, die mit offenem und ernsthaftem Herzen vor Gott stehen und mit einer Stimme für unsere Ukraine beten […] und für die geistliche Wiederherstellung unseres Landes.“
Yulija

„Wie geht nun Versöhnung? Dafür ist nötig, sich von Gott ein demütiges Herz zu erbitten. Eines, das den Vater im Himmel fragt: ,Was bewegt dein Herz? Was kann ich heute tun, damit das Blut, dass dein geliebter Sohn vergossen hat, hier an diesem Massengrab Reinigung und Versöhnung schafft?’ Und dann zeigt er konkrete Schritte, die wir gehen können. […] Im August 2026 bedeutete das, am Massengrab in Kamenets-Podilsky […] den Zaun zu renovieren, mit einem zerbrochenen Herzen und in stillem Gebet. […] Unser Handeln kam bei der jüdischen Gemeinde an. Gott sei alle Ehre dafür, denn Er ist es, der Versöhnung schafft, wenn wir ihn das tun lassen.“   
Brigitte Schönfelder

Hans-Joachim Scholz

Hans-Joachim Scholz ist Pfarrer in der badischen Landeskirche und seit Kurzem im Ruhestand. Er und seine Frau Rita leiten den GGE-Dienst „Kirche und Israel“, weil beides für sie unbedingt zusammengehört.

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