Wie ein himmlisches Familientreffen: Leitende der lutherischen Erneuerungsbewegungen aus dem Ostseeraum sind vergangene Woche in Lettland zusammengekommen.

Einmal im Jahr im September streckt die GGE Deutschland ihre Fühler weit aus Richtung Norden und Nordosten Europas: Beim „Baltic Leadership Gathering“ treffen sich leitende Mitarbeiter der charismatischen Erneuerungsbewegungen in den evangelisch-lutherischen Kirchen aus dem Ostseeraum – aus Dänemark, Finnland, Lettland, Norwegen, Schweden und Deutschland. Nach dem Start 2023 in Berlin und weiteren Treffen 2024 in Kopenhagen (Dänemark) sowie 2025 in Stavanger (Norwegen) ging die Reise vergangene Woche (22.-23. September) ins lettische Saldus, rund zwei Stunden Autofahrt südwestlich von Rīga.
Innerhalb von 24 Stunden ist Zeit für intensiven Austausch, geistliche Gemeinschaft, gemeinsames Gebet füreinander und wachsende Freundschaft. Wir berichten einander, was Gott aktuell in unseren Ländern und Bewegungen tut, welche Herausforderungen sich stellen und welche Erfolge wir feiern. Aus nahezu allen Ländern und Bewegungen war zu hören, dass die „Wahrheit“ (als eine von Gott gegebene Realität) weiter unter Druck gerät in Gesellschaften und Zeiten, in denen „Wahrheit“ lediglich als soziales Konstrukt und daher als flexibel anpassbar und subjektiv gilt. Als Pastoren, Pfarrer und Mitarbeitende für einen „klassischen christlichen Glauben“ auf- und einzustehen, auch wenn der Gegenwind stärker wird, wurde als eine Herausforderung benannt. In Finnland und Lettland sorgen die zunehmenden geopolitischen Spannungen für Unruhe in Politik und Bevölkerung – beide Länder grenzen an Russland und teilen Besatzungserfahrungen.

Gebet in der Kapelle des lettischen Parlaments


Treffen mit den lettischen Bischöfen in Saldus
Gleichzeitig berichteten einige aus ihren Ländern von wachsender Einheit unter den Christen verschiedener Konfessionen und Werke. Reich gesegnete Sommer-Konferenzen haben großen Zulauf (und mittlerweile mehrere Tausend Teilnehmer) und gerade junge Leute interessieren sich vermehrt für den christlichen Glauben und übernehmen Leitungsaufgaben. In Dänemark nimmt man eine regelrechte „Zeit der Gnade“ wahr.
Durch einen besonderen „himmlischen Zufall“ trafen wir uns zeitgleich am selben Ort wie die Bischöfe der Evangelisch-lutherischen Kirche Lettlands und der römisch-katholischen Kirche in Lettland, die in Saldus zu ihrem jährlichen Treffen zusammenkamen. Wir verabredeten uns spontan, freuten uns über eine gemeinsame knappe Stunde und beteten am Ende füreinander.

Blick vom Turm der St. Petri-Kirche


Henning Dobers spricht über die bewegte Geschichte von St. Petri
Einige aus den Erneuerungsbewegungen erkundeten am Vortag unseres Treffens gemeinsam die lettische Hauptstadt Rīga, von der geschichtsträchtigen gotischen Backstein-Basilika St. Petri (siehe Info unten) und der atemberaubenden Aussicht, die man von ihrem Turm aus auf die Stadt genießt, über den Rīgaer Dom und seinen Kreuzgang bis zum Schwarzhäupterhaus (Melngalvju nams), einst Sitz norddeutscher Kaufleute, und dem Lettischen Okkupationsmuseum. Wie ermutigend und horizonterweiternd ist dieser „Blick über den eigenen Tellerrand“! Es war wunderbar, Zeit miteinander zu verbringen, die warmherzige Gastfreundschaft unserer lettischen Freunde zu genießen – und zu erleben, dass wir mit den lettischen Bischöfen wie den Freunden aus den Erneuerungsbewegungen im selben Geist unterwegs sind und gemeinsam Anteil haben dürfen an Gottes Reich.
Eine besondere Kirche: St. Petri in Rīga

Foto: Ilmārs Znotiņš, Valsts prezidenta kanceleja
(Büro d. lett. Präsidenten)
Die 1409 erbaute gotische Backsteinkirche St. Petri wurde am 21. Juni 2022 im Beisein von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Lettlands Präsident Egils Levits (Foto 1. Reihe 2. u. 3. v. re.) wiedergeweiht. Seitdem werden hier wieder jeden Sonntag Gottesdienste in lettischer und deutscher Sprache gefeiert. Über 100.000 Touristen besuchen diesen Ort jedes Jahr und etliche davon kommen sonntags um 13 Uhr in den Gottesdienst. Die Bundesrepublik Deutschland hat erhebliche Mittel bewilligt, mit deren Hilfe St. Petri als Ausdruck deutsch-baltischen Kulturerbes in den kommenden Jahren saniert werden soll.
Von St. Petri aus bahnte sich seit 1521 die Reformation durch den lutherisch geprägten Andreas Knopken ihren Weg durch ganz Livland. Einer der letzten Schüler von Johann Sebastian Bach wirkte hier als Organist und Komponist. Doch am 29. Juni 1941 wurde die Kirche – als eins der berühmtesten Wahrzeichen Lettlands – während des deutschen Angriffs auf Rīga getroffen und brannte vollständig aus. Übrig blieb eine Ruine, die mit der sowjetischen Besatzung ab 1944 dem Verfall preisgegeben wurde. Nur ein Wunder verhinderte die Sprengung. Seit den 1970er-Jahren wurde die Kirche wiederaufgebaut, um sie zweckentfremdet als „Museum für Architektur und Stadtgeschichte“ säkular zu nutzen. Auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion blieb die Kirche zunächst ein Museum.
Das änderte sich 2004: Aus Anlass des 800-jährigen Jubiläums der Gründung der Stadt Rīga wurde (gegen alle Widerstände) wieder eine Kopie des ursprünglichen Altars eingebaut. Schritt für Schritt kam Gott zurück. 2017 wurde der bisher namenlose Platz vor der Kirche unter Beteiligung des damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck in „Platz der Reformation“ (Reformācijas laukums) umbenannt. Im Frühjahr 2022 verabschiedete schließlich das lettische Parlament ein Gesetz, das die Petrikirche einer Stiftung der Lettischen Ev.-Luth. Kirche und der deutschen St. Petri-Gemeinde übertrug, mit der Pflicht, sie zu sanieren, zu erhalten und für geistliches Leben wie Kulturpflege zu sorgen.
Pfr. Henning Dobers, Geschäftsführer der GGE Deutschland und seit 2025 unterstützend in der
Deutschen Ev.-luth. Gemeinde in St. Petri tätig.
