Der 3. Oktober zeigt, was möglich ist

Tag der Deutschen Einheit: Der Chemnitzer Kulturhauptstadtpfarrer Holger Bartsch über das Zusammenwachsen als bleibende Aufgabe und die Rolle der Kirche bis heute.

„Verkauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Haupt alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht; ihr seid kostbarer als viele Sperlinge.“
– Jesus im Matthäusevangelium (Kap. 10, V. 29-31)

Die Deutsche Einheit bleibt eine Aufgabe und wir wollen nicht aufgeben, daran zu arbeiten. Zu wunderbar ist das Geschenk des friedlichen Neuanfangs für Ostdeutschland. Ja, in den vergangenen 36 Jahren sind neue Themen aufgetaucht: Die sogenannte Ostalgie – die Verklärung des Lebens in der DDR – und die Erinnerung an Repression und Diktatur stehen unverbunden nebeneinander. Wer hätte das gedacht, als die Mauer fiel! Wir sind noch weit davon entfernt, eine gemeinsame Erinnerung im Osten Deutschlands zu haben. Der jahrzehntelange Vertrauensverlust in der Diktatur blieb nicht ohne Spuren: Verrat und Hintergehen, legitimiert im Namen des Klassenkampfes, sind geschlagene Wunden, die Schmerz und Scham hinterlassen. Die Geister der Erinnerung holen uns ein, wenn wir sie verstecken – aber sie werden entmachtet, wenn wir sie benennen. Eine gemeinsame Erinnerung würde Zusammenhalt und Hoffnung schaffen. Eine gemeinsame Erzählung fehlt uns. Wer geht auf wen zuerst zu?

Wertschätzung für Ost-Biografien

Als Christ und ehemals unangepasster Jugendlicher in der DDR habe ich am Tag der Deutschen Einheit an die Menschen gedacht, die 1989 nicht als Befreiung erlebt haben so wie ich, sondern als ein Zerbrechen ihrer weltanschaulichen Fundamente. Ich schätze, dass das die große Mehrheit war. Für sie kam die Deutsche Einheit als ein neuer Versuch, mit dem man sich zwangsweise anfreunden und in dem man sich einrichten musste. Auch und gerade mit ihnen möchte ich am Tag der Deutschen Einheit gern Hoffnung, Dankbarkeit und Zusammenhalt erleben! Über biografische Brüche hinweg haben wir doch alle unsere Existenz nach 1990 gesichert, die demokratischen Gepflogenheiten kennengelernt. Doch geblieben ist bei vielen die Frage: „Welche Wertschätzung erfährt denn mein Weg, den ich in der Zeit der DDR erlebt habe und den ich nach dem großen Bruch 1989 gegangen bin?“

Für unsere Elterngeneration stehen ihrem ersten Lebensabschnitt mit sehr eingeschränkten Möglichkeiten die geistig, wirtschaftlich und gesellschaftlich sehr viel freieren und vielfältigeren Möglichkeiten eines damals jungen Menschen im Westen gegenüber. Dieser oft unbewusst ablaufende Vergleich, wie sich ein Leben im Westen hätte entwickeln können, ist fast immer schmerzlich und ruft aus meiner Sicht vor allem nach Trost. Ein weiterer Aspekt ist der Vertrauensverlust, den eine Diktatur in der Gesellschaft hinterlässt, und die damit verbundene Scham. Beides belastet eine Begegnung von Menschen mit unterschiedlicher Ost-Erinnerung. Wenn es aber doch zur persönlichen Begegnung kommt und erzählt werden kann, beginnen Wahrnehmungsprozesse, die auf dem Weg von Verständnis und Vergebung eine Wertschätzung möglich machen. Deshalb haben wir als Kulturkirche 2025 in Chemnitz solche Zusammentreffen veranstaltet, zum Beispiel unter der Überschrift „Wahrhaftigkeit heilt“ (s. Youtube-Playlist). Auch das ist für mich Sinn und Zweck des Tags der Deutschen Einheit, wenn wir zusammenkommen, um diesen Tag zu feiern.

Ein Wunder mit Botschaft

Gleichzeitig leben mit uns viele ehemals westlich sozialisierte Menschen, die den Osten Deutschlands seit den 1990er-Jahren mit uns aufgebaut haben (sie verdanken uns das Abenteuer ihres Lebens …). Die allermeisten bringen einen großen Respekt für unseren Weg mit, wofür ich sehr dankbar bin. Dazu kommen Menschen, die sich eine neue Heimat suchen müssen, weil sie vor Repression und Diktatur geflohen sind. Wir sind also Ostalgiker, DDR-Dissidenten, Wessis, Flüchtlinge: vier Gruppen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Alle haben wir unterschiedliche Erinnerungen und Interpretationen des Geschehens. Sicher lässt unser Wunder der Einheit auch andere von friedlichen Revolutionen träumen, zum Beispiel in den Heimatländern der Flüchtlinge, die zu uns kommen. Und auch wenn das noch nicht geworden ist, darf von unserem Wunder der Einheit und Freiheit doch eine Botschaft ausgehen, dass Dinge möglich sind, von denen wir nicht zu träumen wagten.

Leitspruch von 1989 bleibt relevant

Ich lebe in Chemnitz. Wie ein Tor in die Welt ist der Chemnitzer Hauptbahnhof – wer hier losfährt, hat nicht selten Ziele außerhalb Deutschlands im Blick. Im Kulturhauptstadtjahr 2025 hat die Künstlergruppe „Doppeldenk“ aus Leipzig hier eine Leuchtschrift installiert: „Fürchtet euch nicht“. Dieser Satz, der in der Bibel sehr häufig vorkommt und mehrfach von Jesus Christus ausgesprochen wurde, ist seitdem am Chemnitzer Hauptbahnhof zu lesen. Es ist eine der eindringlichsten biblischen Ermutigungen – Gott weiß, wie sehr wir sie brauchen! Dieser Satz stiftete im Vorfeld der Friedlichen Revolution 1989 als Leitspruch in Kirchenräumen Hoffnung. Er soll an die Rolle der Kirchen erinnern, die sie bei der Vorbereitung dieser Revolution spielten: Kirche bot Räume der Freiheit des Denkens und des Redens, als das in der DDR-Gesellschaft anderswo nicht möglich war. Die Botschaft darin ist bis heute: Angst kann besiegt werden. Veränderung kann geschehen. Die Zukunft ist offen. Das ist der Impuls, den wir von unserer Geschichte der Friedlichen Revolution aus in die Welt tragen. Die Leuchtschrift erinnert alle Reisenden an unser Wunder, das die Angst besiegte. Und sie tragen es in die Welt hinaus, die heute wohl mehr denn je braucht, was wir Christen anzubieten haben: einen Mut, der nicht aus uns selbst kommt (und das auch nicht muss). Freiheit, die so viel mehr ist als ein „Nicht-eingesperrt-Sein“. Trost für unwiederbringliche Verluste. Vergebung, die die Scham entmachtet. Insgesamt gesagt: eine versöhnende Haltung, die Menschen zusammenbringt, trotz unterschiedlicher Perspektiven und Meinungen.

Holger Bartsch

Holger Bartsch war 10 Jahre Jugendpfarrer in Chemnitz und ist jetzt Pfarrer für die Kirchen in der Kulturhauptstadtregion Chemnitz 2025. Eins seiner Lieblingsmottos ist: „Weil Jesus lebt, ist jede Krise eine Chance.“

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