Die ersten Nachfolger des Messias Jesus waren Juden. Auf einer Konferenz in Jerusalem wurde die Einheit zwischen messianischen Juden und Christen heute gefeiert: Pfr. Jonathan Richter berichtet aus Israel.

Gemeinsam mit anderen Vertretern von TJCII Deutschland habe ich Mitte Oktober in Israel am internationalen „Jerusalem Summit“ teilgenommen, zu dem rund 240 Leitungspersonen aus allen Kontinenten in das Notre Dame of Jerusalem Center angereist waren. Damit war es die größte TJCII-Konferenz ihrer Art. Toward Jerusalem Council II (kurz TJCII) ist eine internationale, ökumenische Initiative jüdischer und nichtjüdischer Jesusnachfolger. TJCII, das ist Buße, Versöhnung und Fürbitte. Ausgangspunkt ist dabei die erste große und tragische Wunde der Kirchengeschichte, nämlich das Auseinandergehen der an Jesus Gläubigen aus dem Judentum und derer aus allen übrigen Völkern. In diesem Zusammenhang entwickelte sich auch die sogenannte „Ersatztheologie“, nach der sich die sich nun behauptende Kirche aus Nichtjuden zunehmend als das „neue Israel“ verstand und Israel als von Gott verworfen deklarierte.
TJCII ist gelebter Einwand dagegen! Auch diese Gipfelkonferenz bekannte sich zu den Irrwegen der jeweils eigenen Konfession und hieß – aus „heidenchristlicher“ Perspektive – Juden als das ältere Geschwister willkommen. Ausgehend vom ersten Jerusalemer Konzil (um 49 n. Chr., vgl. Apostelgeschichte, Kap. 15; Galaterbrief, Kap. 2, V. 1-10), das den Heiden erst die Tür auftat, mit ihrer je eigenen Identität an den jüdischen Messias zu glauben, zielt TJCII langfristig darauf ab, dass ein zweites Jerusalemer Konzil („Jerusalem Council II“) zustande kommt. Dieses soll die Tragik benennen, dass das erste Konzil der Kirchengeschichte verdreht wurde, indem eine jüdische Identität innerhalb des Leibes Christi verworfen und unmöglich gemacht wurde.
Das „Jerusalem Summit“ war ein Vorgeschmack darauf, was geschehen kann, wenn repräsentative, nichtjüdische Kirchenvertreter Buße tun und beide Teile des Leibes Christi den jeweils anderen umarmen und segnen. Die Einheit von Gläubigen aus Heiden und Juden, so das einhellige Zeugnis der Tagung, ist die Grundlage für ein Handeln Gottes in der Geschichte, sie kann Heilung und Wiederherstellung mit sich bringen. Damit einher geht die Wiederentdeckung einer Geschichtstheologie, die einer desorientierten Welt zuruft: Da kommt noch was – Jesus wird wiederkommen!
So stand auch über diesem Summit als Leitvision, den einen neuen Menschen aus Juden und Heiden (vgl. Epheserbrief, Kap. 2, V. 11-22) zu entdecken und zu fördern. Drei weitere Themen waren in meiner Wahrnehmung leitend: der Umgang mit dem weltweit zunehmenden Antisemitismus nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023, die „Erweckung“ der Juden in den etablierten Kirchen und die Bedeutung des Islam und das Gebet für die arabische Welt.
Antisemitismus braucht geistliche Lösung
Brian Cox, anglikanischer Priester und Mitglied des Internationalen Führungsrates von TJCII, stellte dar, wie Antisemitismus in Kirche und Gesellschaft seit dem 7. Oktober 2023 gewachsen sind. Dafür kennzeichnend sind Kolonialismusvorwürfe dem Staat Israel gegenüber, aber auch Verschwörungstheorien wie die einer „jüdischen Weltlobby“. Dies ließe sich nicht – wie so oft eingefordert – durch Bildung überwinden: „Antisemitismus ist ein geistliches Problem und benötigt eine geistliche Lösung“, so Cox. Er appellierte an die prophetische Berufung der TJCII-Bewegung und damit jedes Einzelnen: Sei eine Stimme für Israel.
Juden in den Kirchen entdecken, ermutigen und ehren
Johannes Fichtenbauer, ebenfalls Mitglied im Internationalen Führungsrat, machte deutlich, dass neben der „Auferstehung der messianisch-jüdischen Bewegung“ die „Erweckung“ der Juden in den Kirchen steht – einerseits gibt es jüdische Jesusnachfolger, die um ihre jüdische Identität wissen und sie innerhalb der Kirche leben wollen, andererseits eine Menge „assimilierter“ Juden, die möglicherweise um ihre Identität wissen, aber nicht darin leben. Insbesondere die „Hebrew Catholics“ der katholischen Kirche sind als Existenz jüdischen Lebens innerhalb der Kirche zu ehren. Für unseren protestantisch-deutschen Kontext erscheint mir hier eine wichtige Frage gestellt: Kennen wir Juden in unseren Kirchen, deren Vorfahren ihre Identität verleugneten oder ablegten? Ermutigen wir sie, ihre jüdische Herkunft neu zu entdecken? Johannes Fichtenbauers Vortrag erging als Weckruf an die vielen „Esters“ in der Kirche, in dieser Zeit ihre Stimme zu erheben. Im Anschluss segneten die messianischen Juden ihre jüdischen Geschwister, die ihren Stand in den verfassten Kirchen sehen.
Arabische Christen als Wegbereiter
Brian Cox warf einen Blick auf den muslimisch geprägten Nahen und Mittleren Osten. In der türkischen Muslimbruderschaft, dem iranischen Mullah-Regime und den Kräften der Taliban in Pakistan und Afghanistan sah er drei starke und nicht zu unterschätzende islamistische Einflusskräfte, wohingegen der liberale Islam ohne Einfluss bleibt. Dem gegenüber steht die Erfahrung zunehmender Konversionen zu Jesus in der muslimischen Welt: An Jesus Gläubige mit muslimischem Hintergrund seien als „Erstlingsfrucht“ einer starken Ausgießung des Heiligen Geistes in der islamischen Welt zu sehen, mit der noch zu rechnen sei.
Wiederholt wurde dabei insbesondere den an Jesus Gläubigen aus der arabischen Welt eine Berufung zugesprochen, die der Johannes des Täufers vergleichbar sei: Als „Stimme in der Wüste“ können sie den „jüdischen Bruder“ auf den Messias Jesus hinweisen. Was muss bis dahin in der arabisch-muslimischen Welt geschehen? Jesus muss als derjenige geoffenbart werden, der er ist. Buße muss getan werden für das Massaker vom 7. Oktober 2023. Hass muss einer von Gott geschenkten Liebe für Israel Platz machen. Diese drei Dinge können Israel „eifersüchtig“ machen.
Jesusnachfolger aus Juden und Heiden bekennen sich zur Einheit
Immer wieder gab es Beiträge und Stimmen auch aus der arabischen sowie der christlich-orthodoxen Welt. Neben den Referaten war Raum für prophetische Eindrücke, aber auch für „zeichenhafte Handlungen“ der Versöhnung, sogenannte „prophetic enactments“, die für die größere Wirklichkeit der Einheit des einen Leibes Christi aus den Juden und den Heiden standen. Das Summit endete mit einem Akt der Buße: Vertreter aus über 40 Nationen und von allen Kontinenten bestätigten dabei mit den Worten aus dem alttestamentlichen Buch Rut („Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott“; Kap. 1, V. 16) ihren bleibenden Bezug zu Israel. Sie bekannten sich zu Gottes Wegen mit seinem Volk, damit Israel seiner Berufung nachkommen könne, Licht in der Welt zu sein. Geeint waren die Teilnehmer in der Erwartung, dass es der Heilige Geist ist, der zu uns spricht. Und darin, dass Versöhnung möglich ist, wenn Juden und Heiden in der Anbetung des einen Messias Gemeinschaft miteinander haben. Das war beeindruckend mitzuerleben! Diese Einheit aller an Jesus Gläubigen ist eine Grundlage nicht nur für die geistliche Erneuerung der Gemeinde, sondern für eine gemeinsame Neuausrichtung auf den kommenden Herrn Jesus Christus – auch in Deutschland.

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