Gemeinsam geht’s einfach besser

Beziehung meint Miteinander, auch von Kirchen und Konfessionen. In Teil 3 unserer Serie zu den fünf Basiswerten der GGE schreibt Gerhard Proß über die Beziehung zwischen Christen.

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Wir leben in einer Zeit, in der der Ruf des Heiligen Geistes zum Miteinander der Christen (auch „Einheit“ genannt) und zur Versöhnung in besonderer Weise zu hören ist. Die ökumenische Bewegung ist entstanden. Das Zweite Vatikanische Konzil öffnete die Türen weit für den ökumenischen Dialog. Gemeinsamkeiten sind entstanden, die noch vor 50 Jahren undenkbar waren. Eine „Ökumene der Herzen“ ist gewachsen: auch durch Bewegungen wie „Miteinander für Europa“ oder den „Christlichen Convent Deutschland“ (CCD).

Die Einheit der Christen, „damit die Welt glaubt“: Jesus hinterlässt uns das in seinen „Abschiedsreden“ im Johannesevangelium (Kap. 17, V. 21) als besonders wichtiges „Vermächtnis“, als bleibende Aufgabe. Er nimmt seine Jünger hinein in seine innige Beziehung zum himmlischen Vater, aus der heraus diese Einheit unter Christen erst möglich wird. Es ist sein Gebet für die Christen aller Zeiten. Warum aber schafft es die Christenheit nicht, diese Einheit zu leben?

Gute Gaben und kein Vergleich

Es gehört zu Gottes guter Absicht, dass er Welt und Menschen in polarer Spannung geschaffen hat: Sommer und Winter, Frost und Hitze, Tag und Nacht, Mann und Frau, Minus und Plus. In diesem Schöpfungsgeheimnis liegt eine unglaubliche Energie. Aber wie leicht wird in einer „gefallenen Welt“ diese gute gedachte Vielfalt und Unterschiedlichkeit zur Quelle von Konflikten – leider auch unter Christen.

Der erste Mord dieser Welt, der Brudermord von Kain an Abel (1. Buch Mose, Kap. 4), geschah an heiliger Stätte. Am Altar hat das Vergleichen eingesetzt – der Bauer Kain opferte Gemüse, der Hirte Abel Lammfleisch – und leider hat es bis heute nicht aufgehört. Dort schlich sich die Sünde des Vergleichens ein, ob der andere wohl von Gott höher geschätzt würde. Es könnte Bücher füllen, wollten wir den Rivalitäten allein in den biblischen Berichten nachspüren. Deshalb wird der Apostel Paulus nicht müde, die Einheit zu betonen: „Ein Leib, ein Geist … eine Hoffnung …, ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller“ (Epheserbrief, Kap. 4, Verse 4-6).

Die Einheit ist gefährdet, weil wir Menschen uns so schwer tun, mit dem Reichtum Gottes im anderen umzugehen. Grund dafür sind Fehlhaltungen wie Rivalität, Neid und Machtstreben sowie unreifer Umgang mit den Gaben Gottes.

Gemeinsam um die Wahrheit ringen statt Rechthaberei

Auch unterschiedliche Erkenntnisse führen unter Christen bis heute zu Spannungen und Trennungen. Das Ringen um die Wahrheit muss sein. Paulus war ein engagierter Verfechter dieses Ringens, er ließ nicht einfach „fünfe gerade sein“. Aber wie oft stehen dahinter eigentlich Machtstreben und Rechthaberei.

Die postmoderne Haltung allerdings, wonach jeder selbst entscheidet, was er für richtig hält, oder die Behauptung, Wahrheit sei ausschließlich subjektiv und relativ, lässt sich mit dem Evangelium auch nicht vereinbaren.

Beziehungspflege 1: Gottes Gabe im anderen erkennen

Bereits die junge Kirche im Neuen Testament, zunächst meist jüdisch, war dem Zerbrechen nah. Paulus war von Gott aufgetragen worden, nichtjüdischen Menschen das Evangelium zu verkündigen. Das führte zum Konflikt. Mit unterschiedlichen Lebensstilen und Auslegungen der Gebote Gottes waren zentrale Inhalte des Glaubens infrage gestellt. Der Schlüssel war schließlich: Sie erkannten im unterschiedlichen Dienst des anderen eine „Gnade Gottes“ (im Brief an die Galater, Kap. 2, V. 9). Wenn wir die Gnade im anderen erkennen und ihn dann ermutigen, das seine zu tun, kommt es zum Zusammenklingen der Gaben, zur Sinfonie im Leib Christi.

Bei „Miteinander für Europa“ fragen wir: Welche Gabe, welche Gnade ist der anderen Gemeinschaft oder Kirche gegeben? Wir sind überzeugt, dass jede aus einem Impuls des Heiligen Geistes entstanden ist – häufig mit einem besonderen Auftrag. Statt nach Abgrenzung und Unterscheidung suchen wir das Geheimnis Gottes in der anderen Bewegung und Konfession.

Dabei versuchen wir, vom anderen her zu denken: Wir „schlüpfen in seine Schuhe“ und versuchen, von seinem Ansatz, Ursprung und seinen Denkvoraussetzungen her zu denken und zu verstehen. Dadurch haben sich völlig neue Welten erschlossen.

Beziehungspflege 2: Die Wahrheit in Jesus finden

Das Ringen um die Wahrheit ist uns aufgetragen. Doch allzu leicht wird eine bestimmte Erkenntnis, ein Dogma oder ein Glaubenssatz mit der Wahrheit gleichgesetzt. Unser Wissen und Erkennen ist begrenzt, ist „Stückwerk“, schreibt Paulus im 1. Brief an die Korinther (Kap. 13, V. 9 und 12). Gleichzeitig brauchen wir unsere eigene Erkenntnis und Tradition nicht zu verleugnen oder auf sie zu verzichten. Im Gegenteil: Es soll zum „Zusammenklingen“ mit den anderen kommen, nicht zur Eintönigkeit auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner.

Die Wahrheit Gottes aber ist größer. Sie ist eine Person: Jesus Christus (s. Johannesevangelium, Kap. 14, V. 6). Jesus ist die Wahrheit und wer zu Jesus gehört, der gehört zum Leib Christi. Jesus in der Mitte und Jesus im anderen zu erkennen sind Schlüssel für das Einswerden des Volkes Gottes.

Beziehungspflege 3: Versöhnt mit der anderen Konfession

Versöhnung eröffnet Zukunft. Versöhnung befreit von der Last der (konfessionellen) Vergangenheit. Sie ist wesentliche Voraussetzung für einen gemeinsamen Weg. Bei „Miteinander für Europa“ am 2. Juli 2016 in München haben führende Vertreter der Kirchen um Vergebung gebeten und einander Vergebung zugesprochen. Im März 2017 wurde in Hildesheim ein Buß- und Versöhnungsgottesdienst der Evangelischen Kirche in Deutschland zusammen mit der Katholischen Kirche gefeiert. Damit werden tiefe Wunden am Leib Christi geheilt.

Beziehungspflege 4: Versöhnt mit der Erkenntnis des anderen

Jesus Christus ist die Wahrheit. Das befreit aus dogmatischen Festlegungen. Wenn Jesus Christus die Mitte ist, dann wird anderes zweitrangig. Ich relativiere damit nicht meine Erkenntnis, aber es kann zur Versöhnung mit der Position und Erkenntnis des anderen führen. Auf dem Weg des Miteinanders habe ich mich mit Formen einer Marienfrömmigkeit versöhnt, ohne dass sie deshalb zu meinen geworden wären. Können sich Vertreter der Erwachsenentaufe mit der Säuglingstaufe versöhnen und umgekehrt? Können sich die Evangelischen mit dem Amtsverständnis der katholischen Kirche versöhnen und umgekehrt?

Gemeinsam glaubwürdig und relevant sein

Jesus betet zu seinem himmlischen Vater um die Einheit seiner Jünger, „damit die Welt glaubt“ (Johannesevangelium, Kap. 17, V. 21). Fehlende Einheit der Christen schmälert die Glaubwürdigkeit des Evangeliums. Nur gemeinsam werden wir noch gehört werden. Nur gemeinsam werden wir gesellschaftlich relevant sein, auch in lebenspraktischen Fragen. Miteinander gilt es, die Kultur in unserem Land und in Europa neu mit christlichen Werten zu durchdringen. Die „7 Ja“ von „Miteinander für Europa“ können ein praktisches Beispiel dafür sein.

500 Jahre Trennung zwischen den christlichen Konfessionen sind genug. Schon leuchtet eine neue Gestalt der Kirche auf, die das Miteinander und die Einheit der Verschiedenartigen sucht. Lasst uns den Weg der Einheit mit aller Kraft gehen, so wie es dem Vermächtnis und Gebet Jesu entspricht.


Zur Info: „Miteinander für Europa“ ist ein Zusammenschluss von europaweit mehr als 300 christlichen Gemeinschaften und Bewegungen verschiedener Kirchen. Die Initiative entstand am Tag der gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre zwischen der Katholischen Kirche und dem Lutherischen Weltbund am 31.10.1999 in Augsburg.

DAs neue Buch von Gerhard Pross erscheint im März im GGE-Verlag:

Buchcover „Hören – Wagen – Staunen“ von Gerhard Proß

Gerhard Proß: 
Hören – Wagen – Staunen – Vom Abenteuer, sich auf die Führung Gottes einzulassen
Mit einem Vorwort von Kardinal Kasper

320 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Lieferbar ab März 2022
Preis: 20.00 EUR

Bei Vorbestellung bis 28.02.2022: 18.00 EUR und versandkostenfreie Lieferung
Vorbestellungen per E-Mail an: info@gge-verlag.de

Zum Buch im GGE Verlag

Gerhard Proß

Gerhard Proß ist begeisterter Netzwerker. Er hat „Miteinander für Europa“ und andere Initiativen wie „Deutschland betet“ mit ins Leben gerufen und leitet das „Treffen von Verantwortlichen“.

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