Land-Gemeinden brauchen jedes Talent!

Als junge Pfarrerin auf dem Land wünscht sich Susanne Entschel eine „Talente-Akademie“ in der Gemeinde. Sie weiß: Wo Strukturreformen hart einschneiden, strahlt und lebt Kirche nur, wenn viele begeistert mit anpacken. Erfahrungen aus dem Harzvorland.    

Dorfkirche

Wer Theologie studiert oder ins Vikariat geht, um Pfarrerin oder Pfarrer zu werden, der möchte gestalten und hat Lust auf lebendige Gemeindearbeit. Er oder sie möchte Dinge bewegen und andere ermutigen. Kirche soll Freude machen und die Herzen berühren. Zumindest traf ich unter den Studierenden bei unserer GGE-Begegnungstagung Theologie & Kirche immer wieder auf diese Begeisterung. Sie ist unglaublich ansteckend und macht mir Mut für unsere Kirche.

Auch im Vikariat ist viel Raum für Begeisterung. Im besten Fall macht es Lust auf den Beruf und ermutigt, Neues zu denken und auszuprobieren. Danach folgt die Bewährungsprobe für das Erlernte und Gedachte beim Schritt in die erste eigene Pfarrstelle.

Für mich persönlich bedeutete das den Umzug aufs Land in ein Kirchspiel aus fünf Gemeinden. Inzwischen ist, nach drei Jahren, ein weiteres Kirchspiel dazugekommen: Ich bin nun Ansprechpartnerin für neun Orte und Kirchgemeinden. Am Horizont deutet sich schon jetzt für das kommende Jahrzehnt die nächste Erweiterung an.

Problem: Strukturen werden immer größer

Aber wie gestaltet man das kirchliche Leben in Strukturen, die immer größer werden? Land ist nicht gleich Land. Aber zumindest im ländlichen Raum in Sachsen-Anhalt scheinen Strukturerweiterungen zur Normalität zu gehören. Da bin ich mit meinen neun Gemeinden noch gar nicht im oberen Bereich angekommen.

Die Realität besteht hier meist aus vielen altehrwürdigen Gebäuden und treuen Ehrenamtlichen, die sich seit Jahren und Jahrzehnten für ihre Gemeinde und „ihre“ Kirche engagieren. Immer wieder gehören dazu auch Gottesdienste, bei denen manchmal nur eine Handvoll Gottesdienstbesucher zusammenkommen.

Sehnsucht nach lebendiger Kirche ist da

Was bleibt, ist die Sehnsucht. Bei Kolleginnen und Kollegen, aber auch in den Gemeinden, dass neuer Schwung in die Gemeindearbeit kommen möge – am besten auf allen Ebenen. Es ist die Sehnsucht nach einer lebendigen Kirche, in der wieder alle Generationen ihren Platz haben. Auch in den Gottesdiensten. Aber wie?

Jeder hat etwas beizutragen!

Ein wichtiger Baustein auf dem Weg ist die Entdeckung der Vielfalt in unseren Gemeinden. Kirche, gestaltet allein durch den Pfarrer oder die Pfarrerin oder einige wenige Engagierte, bleibt hinter ihrem Potenzial zurück und übersteigt die Kräfte der Einzelnen. Kirche geht nur gemeinsam! Paulus schrieb einmal an die Gemeinde in Korinth: „Wenn ihr zusammenkommt, so hat ein jeder einen Psalm, er hat eine Lehre, er hat eine Offenbarung, er hat eine Zungenrede, er hat eine Auslegung. Lasst es alles geschehen zur Erbauung!“ (1. Korintherbrief, Kap. 14, V. 26).

Heteborn: Ein kleines Dorf strahlt nach außen

In einer Gemeinde bewegt sich etwas, wenn Menschen Mut haben, sich und ihre Gaben einzubringen. Das hängt nicht einmal von der Größe der Gemeinde ab – die kleinsten Dörfer entwickeln hier eine enorme Strahlkraft, wenn Menschen einbringen, was ihnen gegeben ist.

Zum Beispiel die Fähigkeit sich zu vernetzen: Ich denke an unser Dorf Heteborn, in dem sich jeden Samstagabend ein paar Frauen in der Kirche treffen. Manchmal gibt es eine kurze Andacht, dann geht es um die aktuellen Themen des Gemeindelebens. Doch die Frauen bleiben nicht unter sich. Dadurch, dass sie so gut im Dorf vernetzt sind, wurde schon so einiges möglich: Adventstreffen, bei denen das ganze Dorf mit seinen Vereinen eingebunden war; der Ausbau der Kirche trotz geringer Mitgliedszahlen, weil sich viele Menschen daran beteiligten. Der Ausbau wurde mit dem ganzen Ort gefeiert – mit einem gut besuchten Gottesdienst und anschließendem Fest. Außerdem kannten durch die Teilnahme an einem Kirchenwettbewerb bald viele Menschen in Deutschland (und weltweit!) diesen kleinen Ort, der alles in Bewegung setzte, um dort eine Chance zu haben. Am Ende ging er zwar ganz knapp leer aus – aber da ist Leben drin, weil einige sich treffen und träumen, bevor dann durch die Glocken der Sonntag in der kleinen Kirche eingeläutet wird.

Oder aber ein Musical bringt mehrere Generationen zusammen, das unsere Region Ost des Kirchenkreises Halberstadt jährlich veranstaltet. Frauen der Damenchöre machen gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen Musik, auch jenseits konfessioneller und sozialer Unterschiede.

Mit der „Talente-Akademie“ Gaben entdecken

Meine Hoffnung ist, dass Gemeinde ein Ort wird, wo Menschen mit ihren vielfältigen Gaben einen Platz finden, wo Gaben aber auch ganz neu entdeckt werden. Dafür wünsche ich uns offene Augen für die anderen und den Mut, diese Begabungen auch zu benennen und Menschen darin zu bestärken. Und wie wäre es, wenn es in der Gemeinde eine „Talente-Akademie“ gäbe, wo Menschen mithilfe eines Gabentests die eigenen Stärken entdecken und am besten gleich in der Gemeinde ausprobieren und einsetzen können? Oder wo ganz neue Formen des Gemeindelebens entwickelt werden, an die wir bisher noch nicht gedacht haben, weil wir vor allem auf unsere Traditionen schauen?

Wir brauchen Gottes Geist – immer wieder

Ich weiß nicht, in welche Richtung sich die Kirche in den kommenden Jahren entwickeln wird. Sie wird sicher anders werden als bisher. Aber ich bin mir sicher, dass wir sie nur gemeinsam gestalten können und dass sie Zukunft hat, wo Menschen sich bewegen und begeistern lassen. Wo Menschen sich einbringen und verstehen, dass sie beauftragt sind, Gottes Liebe in dieser Welt weiterzugeben – auf ihre ganz eigene und besondere Weise. Das Gesamtergebnis wird viel schöner sein als alles, was wir versuchen als Einzelne zu schaffen. Veränderung geht nur gemeinsam. Dafür brauchen wir immer wieder Gottes Geist. Damit Begeisterung kein Strohfeuer bleibt, sondern damit sie genährt wird durch den, der Neues schaffen kann, der Menschen beruft und begabt und durch den Lebendigkeit zur Realität wird. Denn erst durch ihn können wir seine Kirche bauen und gestalten. Auch hier im ländlichen Raum.

Susanne Entschel

Susanne Entschel ist Pfarrerin im östlichen Harzvorland. Die schönen Ecken ihrer neuen Heimat entdeckt sie beim Wandern und Reiten. Gleichzeitig schlägt ihr Herz international: Während des Studiums und im Vikariat war sie in Israel und Australien unterwegs. Immer wieder freut sich sich, weltweit mit vielen besonderen Menschen im Glauben verbunden zu sein.

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2 Gedanken zu “Land-Gemeinden brauchen jedes Talent!

  1. Danke für den mutmachenden Beitrag, Susanne. Das ermutigt mich unsere Kirchenlinedance-Gruppe, die sich nun seit über einem Jahr nicht getroffen hat, nicht einfach abzuschreiben, sondern auf einen Neustart zu hoffen.

    1. Hallo Mattias!
      Schön von dir zu lesen. In der Gruppe hat so viel Freude drin gesteckt. Ich hoffe, die könnt ihr wiederentdecken. Sagt Bescheid, wenn ihr mal wieder auftretet. Viele Grüße. 🙂

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