Meinen Pazifismus werfe ich nicht über Bord

Der Ukraine-Krieg stellt viele neu vor die Frage, wie sie zu Krieg und militärischer Aufrüstung stehen. Holger Bartsch beantwortet diese Frage für sich im Blick auf Jesus. Ein persönlicher Kommentar.

Pistole mit Strohhalm im Lauf

Frühjahr 1987, eine Stadtvilla in Freiberg (Sachsen): Im Wehrkreiskommando sitze ich drei älteren Männern gegenüber, die meine Wehrtauglichkeit feststellen sollen. Ich denke: „Jetzt muss der richtige Moment sein, um meine Absage an den Wehrdienst mitzuteilen!“ Gedacht und gesagt. Statt drei Jahren Unteroffizier nun Bausoldat. Ein Moment der Erstarrung bei meinem Gegenüber, dann bekomme ich Stift und Zettel, um meine Entscheidung schriftlich mitzuteilen und zu begründen.

Auf diese Situation war ich vorbereitet. Ich machte mir die Entscheidung nicht leicht, aber ich erklärte klar, dass ich nicht schießen würde, weil ich Jesus Christus nachfolgen will. Nichts schien mir in diesem Moment richtiger als das. Was mir die Entscheidung und ihre möglichen Konsequenzen etwas erleichterte war, dass ich in keiner Weise das atheistische Bekenntnis der DDR mit meinem Leben verteidigen wollte.

Muss ich meine Einstellung ändern?

Muss ich meine Einstellung heute angesichts der überfallenen Ukraine ändern? Ist Waffengewalt zur Selbstverteidigung nicht doch legitim? Ich möchte bei dieser Frage nahe bei Jesus bleiben und Änderungen an meiner pazifistischen Einstellung an ihm messen.

Mir scheint, dass Jesus selbst einen Pazifismus gelebt hat, was seine Person und damit auch seinen göttlichen Auftrag betrifft. Wenn es um seinen Auftrag geht, möchte er keine Gewaltanwendung sehen, wie wir bei der Begegnung mit den Soldaten des Tempels im Garten Gethsemane erfahren (nachzulesen im Matthäusevangelium, Kap. 26, V. 47-56).

Jesus kritisiert Machtmissbrauch

Staatliche Gewalt und auch Soldaten hat Jesus um ihres Machtmissbrauchs willen kritisiert, aber nicht grundsätzlich abgelehnt. Ob mit Jesu Bergpredigt – „Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar“ (Matthäusevangelium, Kap. 5, V. 39) – auch Staatspolitik zu machen ist, wurde in den 70er- und 80er-Jahren viel diskutiert. Übrig bleibt aus dieser Diskussion vielleicht die immer wieder zu stellende Frage nach der Motivation hinter der Gewaltanwendung und eines gewissen Ethos, das sie begleiten muss, damit Gewaltspiralen ein Ende finden.

Bei Selbstverteidigung nach dem Gewissen entscheiden

Um Jesu  willen möchte ich deshalb Gewaltspiralen, seien es emotionale oder auch bewaffnete, bei mir selbst und in der Gesellschaft erkennen und ihnen möglichst entgegentreten. Meinen Pazifismus werfe ich nicht über Bord. Was Glaubensfragen angeht darf es sowieso keine Gewalt geben. Umso beschämender die Unterstützung der russisch-orthodoxen Kirche für den russischen Angriff. Was das Motiv der Selbstverteidigung betrifft, kommt es wohl auf die Gewissensfreiheit an, die ich jedem gerne zugestehen möchte.

Holger Bartsch

Holger Bartsch ist Jugendpfarrer in Chemnitz. Eins seiner Lieblingsmottos ist: „Weil Jesus lebt, ist jede Krise eine Chance.“

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Ein Gedanke zu “Meinen Pazifismus werfe ich nicht über Bord

  1. „Wir sichern den Frieden“ lautet das Motto der Bundeswehr.
    Als in der Truppe bekannt wurde, dass ich den Dienst an der Waffe verweigern würde, bestellte mich der Kompaniefeldwebel ein. „Was fällt Ihnen ein? Sie lassen die Kameraden an der Front verrecken und machen sich einen schönen Lenz?“
    Die Standpauke war wertvoll für die spätere Verhandlung vor der Wehrkammer. In der Tat: Wenn unser Einsatz ohne Waffe nicht dem der Frontkämpfer mindestens ebenbürtig ist, haben wir kein Recht zu verweigern. Im Umfeld des Lotterlebens der Zivis von Bethel ist diese Einstellung freilich in den Hintergrund getreten. Leider.
    Am 23.4.1997 haben Jelzin und Jiang Zemin eine Deklaration unterzeichnet, in der sie ihren Anspruch auf Weltherrschaft festschreiben. Wir sind im Krieg. Vor allem gegen Lüge und skrupellose Menschenverachtung. Heiliger Geist, decke auf!

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