Krieg in der Ukraine – und Barmherzigkeit zum Anfassen. In nur vier Tagen bringen ein paar Südniedersachsen einen ersten vollen Lkw mit Hilfsgütern auf die Straße. Helmut Münkel berichtet in Teil 9 unserer Serie zu den fünf Grundwerten der GGE.
Montag, 28. Februar, 19 Uhr
Seit fünf Tagen ist Krieg in der Ukraine. Wie jeden Montag treffen wir uns in der St. Aegidien-Kirche in Hann. Münden (Landkreis Göttingen) zum Gebet. Meist sind wir zu dritt oder viert. Es ist eine Zeit der Anbetung, des Lobpreises, des Danks. Stille. Hören. Fürbitte. Die 2006 entwidmete Kirche ist seit 2019 als „Kirche und Café“ wieder ein Ort des Gebets und der Gemeinschaft. Ein Projekt, das die kirchliche „Stiftung St. Aegidien-Kirche“ verantwortet und leitet.
Der Angriff der russischen Streitkräfte auf die Ukraine prägt auch dieses Gebet am 28. Februar. Schon länger beten wir für die Krise dort, aber jetzt hat sie eine ganz neue Dimension.
Dienstag, 1. März
Kurze Absprachen per Messenger und über Mail. Pastor Henning Dobers hat den Impuls: Wir müssen etwas tun! Er knüpft Kontakte, ermittelt, was gebraucht wird, telefoniert, organisiert. Schnell sind Hinweise auf der Webseite der Kirche, in der lokalen Presse und in sozialen Medien verbreitet. Wir öffnen die Aegidien-Kirche für dringend benötigte Sachmittelspenden: Verbandsmaterial, Handtücher, feste Seife, Schokolade, Müsliriegel, Schmerzmittel, Konserven, Taschenlampen, Papiertaschentücher. Und wir öffnen die Kirche gleichzeitig zum Gebet. Altarkerzen brennen. Beten und Handeln – ora et labora.
Mittwoch, 2. März
Großer Artikel in der lokalen Presse, starke Resonanz in den sozialen Medien. Anrufe, E-Mails, Fragen werden beantwortet. Ab 17 Uhr kommen die Menschen, bringen zahlreiche Pakete mit Hilfsgütern. Geben sich fast die Klinke in die Hand. Innerhalb von zwei Stunden passiert so viel, dass es uns dankbar und demütig macht. Sortieren, umpacken, Kisten in deutscher, ukrainischer und russischer Sprache beschriften. Christiane Gering, mit Henning und mir im Stiftungsvorstand, hat alle Hände voll zu tun. Eine ukrainische Frau hilft uns dabei.
Donnerstag und Freitag, 3./4. März
Wir werden überrannt, die Kirche platzt aus allen Nähten. Wir müssen einen Annahmestopp verhängen. Es geht nicht mehr! Freitagabend fährt der erste Transport los. Trotz Annahmestopp kommen noch bis Sonntag Anlieferungen.
Montag, 7. März
Am Nachmittag kommt der nächste Transport. Wir wissen noch nicht, wie es weitergeht. Aber wir wissen: Es ist richtig. Barmherzigkeit ist manchmal nur eine Entscheidung. Weil Friedensdienst auch eine geistliche Dimension hat. Und weil Gott uns zuerst geliebt hat.
Wir folgen dem Ruf Gottes, notleidenden Menschen mit seiner Liebe zu begegnen. Gottes Liebe gilt jedem Menschen in jeder Phase seines Lebens – besonders jenen, die verletzt oder benachteiligt sind und sich nach Liebe, Gemeinschaft und Heilung sehnen. Wir lassen uns anstecken von Gottes Leidenschaft und Liebe für diese Welt. Wir bieten Menschen Beratung und Seelsorge an. Wir beten füreinander. Wir leisten praktische Hilfe für Menschen in Notlagen.
Aus der Vision der GGE zu ihrem Wert „Barmherzigkeit“
Guten Tag liebe Geschwister vor Ort,
euer praktisches Engagement beeindruckt mich sehr.
2016 haben wir im Rahmen der GGE “ Überfluss“Veranstaltung in der Aegidien Kirche Kaffee getrunken und wurden trotz des leckeren Kaffees von Wehmut beschlichen. Eine zweckentfremdete Kirche anzusehen, macht schon irgendwie traurig, mich zumindest…
Wir wussten, dass Geschwister sich stark machen wollten, diese Kirche zurückzukaufen. Und das haben wir uns im Sommer 2021 angesehen. Toll, die Aegidien Kirche ist in ihrer eigentlichen Bestimmung.
Knapp ein Jahr später eure Fotos mit den Mengen an Sachspenden zu bestaunen, ermutigt und regt zum Nachahmen an. Wer hätte das gedacht: Kirche im Sinne des Erfinders!
Wir bleiben dran – Martina & Didier Froidevaux