„LOBPREIS“, unser neues PRAXIS-Buch, ist erschienen: Mit evangelischen und katholischen Lobpreisleitern sprechen wir über Chancen und Herrlichkeit von Anbetung in der Gemeinde – und über (un-)berechtigte Kritik.

Sarah Schmidt ist Sozial- und Religionspädagogin und Lobpreisleiterin in einem Church-Planting-Projekt an zwei Schulen des Erzbistums Köln. Ihre Vision: Kinder und Jugendliche mit Lobpreis in Kontakt bringen und ihnen dadurch eine Begegnung mit Gott ermöglichen. Durch die Lobpreisband ihrer Eltern ist sie bereits mit Lobpreis aufgewachsen.
Erik Tielbürger ist Diakon der Ev. Martins-Gemeinde Hohnhorst (Ev.-Luth. Landeskirche Hannovers) und neben der Kinder- und Jugendarbeit für Lobpreis- und Anbetungsmusik im gemeindlichen Kontext zuständig. Das Liedgut bewegt sich dort zwischen Band und Orgel, Worship und Gesangbuch. Er leitet seit 15 Jahren Lobpreis (früher Versöhnungskirche Knetterheide (Ev.-luth. Landeskirche Lippe), Ev. Kirchengemeinde Stadtallendorf (Ev. Kirche Kurhessen-Waldeck) und Christus-Treff Marburg).
Viktor Fischer-Emmerich ist Kirchenmusiker, Lobpreisleiter, Theologe und Psychotherapeut. Seine Frau Christine Maria und er sind Sprecher der Katholischen Charismatischen Erneuerung im Erzbistum Köln. Bis Mitte der 1990er hielt er Worship für eher banal. Durch sein „Worship-Bekehrungserlebnis“ erfuhr er, dass es um Gebet und Lebensstil geht und nicht um eine Musikrichtung.
PD Dr. Guido Baltes leitet Anbetung im Christus-Treff Marburg, übersetzt und schreibt Anbetungslieder sowie Bücher zum Thema und coacht Lobpreisteams. Er ist ev. Pfarrer, Dozent (Philipps-Universität Marburg, Ev. Hochschule Tabor, MBS Bibelseminar) und hat Worship-Projekte begleitet (Christival-Gebetskonzerte, Songwriting-Projekt „Himmel. Erde. Welt“). Im Studium entdeckte er Lobpreis durch GGE-Gottesdienste und war zeitweise beruflich als Lobpreisleiter unterwegs.
Erik, Viktor und Guido schreiben als Autoren im neuen PRAXIS-Buch „LOBPREIS“, das soeben erschienen ist. Ich bin Eva Heuser und Redaktionsleiterin der PRAXIS-Reihe. Hinweise auf Themen in „LOBPREIS“ findet ihr [in Klammern] im Text.

Wo seht ihr heute die größten Herausforderungen für Lobpreis?
Viktor: Als Katholik sage ich, Lobpreis und Liturgie zusammenzubringen [„Messe und Lobpreis“, S. 87-91]. Ich versuche da, Wege zu finden. Eine zweite Herausforderung ist, im katholischen Gemeindekontext zu vermitteln, dass Lobpreis nicht meint, etwas Einstudiertes aufzuführen, wie es beispielsweise ein Kirchenchor tut. Eine persönliche dritte, mich zwischen den Konfessionen zu bewegen, weil ich oft im ökumenischen Kontext unterwegs bin. Kürzlich haben wir beim Lobpreisseminar von GGE und CE eine katholische Messe gefeiert. Ich wollte für meine evangelischen und freikirchlichen Glaubensgeschwister Dinge vermeiden, die Anstoß erregen könnten, habe aber beim Glaubensbekenntnis nicht aufgepasst, wo es in der katholischen Fassung heißt, „ich glaube an die heilige katholische Kirche“. Es war wichtig zu erklären, dass „katholisch“ hier nicht konfessionell zu verstehen ist, sondern in der Grundbedeutung „allumfassend“, also universal meint. Genauso muss man bei den Texten der Lobpreislieder achtsam sein, dass sich alle Anwesenden darin wiederfinden können.
Sarah: In den letzten Jahren nehmen Angebote zu, wie man Lobpreis geeigneter in die Liturgie einbinden kann, was ich sehr hilfreich finde. Unter Lobpreis verstehen viele aber noch, „wir singen halt ein paar Lieder“, das erlebe ich auch in unserem Church-Planting-Projekt so. Gerade Personen aus der älteren Generation oder Gottesdienstteilnehmern, die an die Orgel gewöhnt sind, fällt es schwer, sich auf Lobpreis einzulassen und eine Haltung des Gebets einzunehmen.
Erik: Auch für diese Menschen eignet sich das „LOBPREIS“-Buch. Den Unterschied zwischen Anbetung und der dazugehörigen Haltung und andererseits dem einfachen Liedersingen und dem Neuen Geistlichen Lied (was auch seinen Platz in Gemeinde hat) klarzumachen, sehe ich auch als Aufgabe. Wir müssen klären, dass es im Lobpreis um Partizipation geht – und dass es trotz Band kein Konzert ist. Lobpreis muss auch im evangelischen Gottesdienst liturgisch gut verankert werden. Die Älteren dürfen lernen, Gott von Herzen zu feiern und zu loben. Und die Jugendlichen, dass Lobpreis nicht nur die Party mit Synthies und der Outbreakband oder Phil Wickham ist, wo sie die Hände heben, tanzen und es vielleicht sogar halbe Moshpits gibt. Wenn nur noch der Feiercharakter im Vordergrund steht, geht die innere Haltung auch verloren. Und gerade in der Landeskirche müssen wir erklären, dass Lobpreislieder das bisherige Liedgut nicht ersetzen, sondern ergänzen und einen weiteren Zugang zu Gott schaffen. Wir müssen als Lobpreisleiter mit Pfarrpersonen und Kirchenvorständen transparent kommunizieren [„Eine Kultur für Lobpreis aufbauen“, S. 84-86].
Sarah: Ich wäre froh, wenn unsere Jugendlichen auch mal tanzen würden (lacht), davon sind wir bei uns noch weit entfernt. Aber vielleicht kommt das noch …
Guido: Tatsächlich stehen wir vor zwei Herausforderungen: Auf der einen Seite, die Älteren mit ins Boot zu holen, die vom Gesangbuch und vom Liturgischen her kommen. Auf der anderen Seite aber auch, dass viele meiner 20-jährigen Studierenden zwar begeistert Lobpreislieder singen, aber dass sie eben auch oft „nur Lieder singen“. Worin sich das von einer betenden Haltung, von wirklichem Lobpreis unterscheidet, lässt sich nicht so einfach in Worte fassen. Ich habe diesen inneren Unterschied sehr deutlich empfunden, als ich als Student das erste Mal mit Lobpreis in Kontakt kam [„Lobpreis und Anbetung sind Gottes Idee“, S. 10-11].
Nicht selten wird heute kritisiert, es ginge bei Lobpreis zu viel um „Äußerlichkeiten“: Licht, Sound, Effekte. Diese Art Performance ist Teil der Lobpreiskultur junger Christen und fordert uns alle heraus, das Eigentliche nicht aus dem Blick zu verlieren oder sogar wiederzuentdecken. Was aber können Ältere von Jüngeren lernen?
Guido: Es ist die Leichtigkeit, mit der heute musikalische Qualität erreicht wird. Da lerne ich viel, sehe aber gleichzeitig die Gefahr, dass das zu sehr betont wird. Die jüngere Generation hat insgesamt einen besseren Zugang zu Emotionen und Authentizität, während ich es als Student schon toll fand, einmal etwas gefühlt oder eine Hand gehoben zu haben. Und auch wenn die Gefahr besteht, dass es nur um Emotionen geht und das Tieferliegende dabei verpasst wird, können wir viel davon lernen.
Was bedeutet es, wenn Lobpreis nicht zu sehr in eine technisierte Richtung abdriften oder an Perfektion ausgerichtet werden darf? Wie bringt ihr ein, worum es wirklich geht?
Erik: Perfekt produzierte Youtube-Videos und Livestreams legen die Schwelle heutzutage hoch, man glaubt, auch so klingen zu müssen. Einige Bands oder Gemeinden nutzen beispielsweise Backing-Tracks, die den Gesamtsound einer Band aufwerten und voller klingen lassen können. Das kann hilfreich sein – auch wenn Musiker spontan ausfallen. Aber Backing-Tracks, perfekte Arrangements oder die beste technische Ausstattung machen keinen Lobpreisgottesdienst und keine Lobpreiskultur per se besser. Der Fokus muss zuallererst auf Jesus sein, nicht auf der Technik. Umgekehrt geben wir unser Bestes für Jesus, inklusive auch der Technik – das meint Exzellenz [„Geistlich und musikalisch exzellent werden“, S. 107-111]. Wir spielen vor allem bei größeren Events mit Tracks, wenn wir den Feieraspekt betonen wollen und die Songs sonst leer klingen würden. Und auch nur dann, wenn wir trotzdem noch spontan innerhalb eines Songs „springen“ können. Denn wir wollen ja kein Konzert spielen, sondern die Menschen in die Anbetung führen und auf das Wirken des Geistes hören – dafür müssen wir flexibel sein.

Sarah: Die eigene Herzenshaltung als Lobpreisleiter ist sehr, sehr zentral. Es ist wichtig, was ich für ein Gebetsleben habe und wie authentisch ich bin. Das strahlt aus. Kürzlich waren wir in den sechsten Klassen an der Realschule und viele dort hatten keinen Bock. Ich dachte: „Oh, und jetzt Lobpreis …“ Aber es macht viel aus, sich selbst in so einer Situation selbstbewusst hinzustellen mit der Haltung, „Jesus, ich bete dich an, selbst wenn die Leute vor mir nicht mitsingen oder sich ins Gebet mit hineinnehmen lassen.“ Die eigene Herzenshaltung immer wieder zu hinterfragen, ist wichtig.
Gerade Gemeinden mit einem jungen Zielpublikum und hohem technisch-musikalischen Anspruch takten ihren Lobpreis gern durch. Ich erinnere mich aber, dass gerade Spontaneität früher als Merkmal eines „charismatischen Lobpreises“ galt.
Guido: An unserer Bibelschule haben wir ein Modul „Gottesdienst und Lobpreis“, wo wir das Thema auch ein wenig fachlich reflektieren. Da habe ich kürzlich in einer Übung einmal versucht, eine Brücke zwischen „Lobpreis“ und „Liturgie“ zu schlagen. Ich habe mich in der Gestaltung einer kurzen Lobpreiszeit streng an Agende I gehalten, nur dass ich die vorgeschrieben Gebete nicht nach Agende, sondern frei formuliert habe und anstelle der traditionellen Gesangsstücke aktuelle Lobpreislieder (oder Teile daraus) eingesetzt habe, die den gleichen Inhalt ausdrücken (kyria, gloria). Die Studenten haben hinterher zurückgemeldet, das sei „viel intensiver“ als sonst gewesen, „viel schlüssiger“. Woran lag es vermutlich? Einmal sicher am sinnvoll strukturierten Aufbau: keine wahllose Reihenfolge, sondern ein bewusst gestalteter Weg. Da enthält die Agende viel Weisheit. Dann aber auch die Kombi von Gesang und gesprochenem Gebet, die im heutigen „Worship“-Milieu immer seltener ist. Dass sowohl Lieder als auch Gebete auf deutsch waren, hat die Einheit von beidem unterstrichen, was bei englischen Liedern weniger gut funktioniert. Und zuletzt: Liedstücke statt ganzer Lieder haben geholfen, den Inhalt der einzelnen Zeilen bewusster zu singen, statt das Lied nur wie gewohnt stur „nach Vorlage“ zu singen. Das war für viele meiner Studenten ein hilfreicher Schritt vom „Liedersingen“ zur Anbetung.
Viktor: Überraschende Elemente einzubauen, klingt für mich danach, als Leiter Lobpreis zu „machen“. Das ist kein Vorwurf, aber ich will eher davon wegkommen. Der Pastor der „citychurch“ in Köln – das ist eine stark wachsende, junge freikirchliche Gemeinde – erzählte mir, dass dort im Lobpreis alles geplant ist, die Songs perfekt gecovert werden und ja, das klingt richtig toll. Im Gegensatz dazu liebe ich Lobpreis aber als etwas, das „sich ereignet“, sich entwickelt, während wir es tun. Mein Freund Franz Zeugner sagt immer, „Gott wohnt im Lobpreis seines Volkes“ (vgl. Psalm 22, V. 4), also nicht im Lobpreis des Lobpreisleiters oder der Band. Deswegen sollte der Lobpreisleiter erspüren, was der Geist Gottes „im Volk“ bewegt, das mit der Band aufgreifen und es zurückklingen lassen in die Gemeinde [„Dem Heiligen Geist Raum geben“, S. 63-67]. Ob so ein Impuls aus dem Inneren des Lobpreisleiters entspringt oder ob es wirklich der Heilige Geist ist, kann natürlich auch schwierig zu unterscheiden sein. Aber beim letzten Lobpreisseminar hat ein Lied zur Heiligkeit Gottes so intensiv nachgeklungen, dass man danach eine Stecknadel hätte fallen hören können [„Ich durfte in die himmlische Atmosphäre eintauchen“, S. 36]. Mich begeistert, wenn sich im Worship Himmel und Erde synchronisieren und wir einen Refrain dann nicht wiederholen, weil es eine gute Idee von uns ist. Ich mache das auch, will aber eigentlich davon weg … Gleichzeitig weiß ich, dass das Spontane an einem normalen Sonntagmorgen nicht besonders praxistauglich ist, wenn der Pfarrer die Liederliste haben will und die Band die Sheets in der richtigen Tonart.
Erik: Solche Anbetungsphasen sind natürlich der Traum. Wenn du allerdings ein ganz junges Musikteam hast, das musikalisch am Anfang steht, braucht es Planbarkeit [„Wir müssen Jüngere an die Hand nehmen“, S. 83]. Und oft braucht auch die Gemeinde eine Planbarkeit. In einem evangelisch-landeskirchlichen oder katholischen Sonntagsgottesdienst kann ich Pfarrer wie Gemeinde auch überfordern und im schlimmsten Fall für die Idee einer freieren Anbetungszeit verlieren. Während eines extra Anbetungsgottesdienstes oder einer „Ministry Time“ mit entsprechender Erläuterung können sich viele eher darauf einlassen. Wichtig sind „Übungsräume“ [„Zum freien Beten ermutigen“, S. 58]: im Hauskreis oder einer Lobpreisgruppe andere mitnehmen, um gemeinsam eine Kultur für Anbetung in der Gemeinde aufzubauen.
Finden nicht immer mehr Menschen über eine Erfahrung mit Gott auch einen Zugang zum Glauben? Wie wichtig ist da Lobpreis als Erfahrungsraum, wie evangelistisch ist er?
Viktor: Lobpreis kann bei der Evangelisierung und bei dem sich anschließenden Prozess der Jüngerschaft eine entscheidende Rolle spielen (ich kenne keine Erweckungsbewegung, die mit christlicher Popmusik oder dem sogenannten Neuen Geistlichen Lied einhergegangen wäre). Gleichzeitig beobachte ich, wie junge Menschen wieder fasziniert sind von klassischer Liturgie in einem liturgischen Kirchenraum und der dazugehörenden klassischen Kirchenmusik bis hin zur Gregorianik. Wir sollten nicht aus dem Blick verlieren, wie wichtig Schönheit ist, wie wichtig Räume, Zeichen, Liturgie, Rituale sind. Aber Worship bietet einen leichten Zugang für „Neue“ im Glauben, das ist sehr wichtig.
Sarah: Lobpreis kann für Kinder und Jugendliche ein Weg zu Gott sein, das spüre ich an der Schule. Und obwohl das Neue Geistliche Lied auch seine Berechtigung hat, merken die Kinder, dass Lobpreis etwas anderes ist. Kürzlich haben wir mit Schülern der neunten Klasse eine Worship-Night in einem Kirchenraum organisiert: Viele Jugendliche waren einfach dabei, haben mitgesungen, die Atmosphäre genossen und wollten gar nicht mehr gehen (lacht).
Guido: Auf dem Platz vor der Kirche, in der wir als Christus-Treff donnerstags unsere Abendgottesdienste feiern, kommen abends gern Leute vorbei. Oft hören sie die Musik, kommen herein, tanken erstmal die Atmosphäre. Was sie dabei anspricht, ist oft weniger die Musikqualität als die Wahrnehmung geistlicher Intensität. Sie spüren, dass die Menschen in der Kirche auf etwas ausgerichtet sind, das sie nicht kennen – sie spüren die Ausstrahlung der anbetenden Gemeinde. Da sehe ich einen wichtigen Unterschied zum Neuen Geistlichen Lied (NGL) oder Sakro-Pop: Diese setzen auf emotionale Niederschwelligkeit, bleiben inhaltlich eher kognitiv, verwenden weniger persönliche Gottesnamen und wahren so bewusst eine Distanz. Das ermöglicht sicherlich vielen einen leichteren Zugang und spricht die an, die innerlich distanziert bleiben (wollen). Lobpreis dagegen fordert heraus und schreckt daher möglicherweise auch Leute ab: Er zielt auf Intensität und führt mich, wenn ich mich einlasse, in Momente der Gottesbegegnung und die innere Beteiligung. Da kann man nicht so leicht neutral bleiben. So erlebe ich die evangelistische Wirkung von Lobpreis.

Erik: Das kann ich auch so bestätigen. Wir haben letztes Jahr auf einer Jugendfreizeit in Italien einen Gottesdienst in einer Kirche gefeiert – das machen wir bei jeder Jugendfreizeit. Wir fragen vorher die Pastoren oder Priester, ob wir dort einen Gottesdienst für uns als Freizeitgruppe feiern dürfen. Aber manchmal kommen Menschen während des Gottesdienstes spontan in die Kirche hinein: Sie hören die Musik oder Gebete von draußen, werden neugierig und bleiben wegen der besonderen Atmosphäre oftmals dort – obwohl sie die Liedtexte und Gebete nicht verstehen, denn wir feiern die Gottesdienste mit den Jugendlichen auf Deutsch. Letztes Jahr kam auch der Priester der Kirche zu unserem Gottesdienst und sagte später: „Hier war Gott und der Heilige Geist, das hat man gespürt!“ Auch er hatte die deutschen Texte der Lobpreislieder und gesprochenen Gebete nicht verstanden. Aber er hatte gespürt, dass wir mit dem Herzen dabei und offen für Gottes Wirken waren, dass die Anbetung Gottes im Zentrum stand und wir die Lieder nicht nur des Singens wegen gesungen hatten. Diesen Unterschied spüren Leute und das wirkt auf sie anziehend.
Viktor: Wir feiern in Köln im Dom einmal im Monat „Nightfever“: Dabei wechseln sich Lobpreiser ab, die man nicht sieht. Man spürt, dass die innere Beteiligung da sein muss, aber man sieht keine „Performance“. Da gehen Leute ein und aus und machen aufgrund der dichten Atmosphäre, die unter anderem durch Kerzenlicht, die monumentale Architektur des Raumes und die Anbetungsmusik entsteht, letztlich geistgewirkt ist, eine Gotteserfahrung, auch wenn sie an gar nichts glauben. Dabei muss es nicht einmal Worship sein: Klassische Kirchenmusik kann genauso evangelistisch und Anbetung sein, wenn sie mit dieser inneren Beteiligung gesungen wird – wie kürzlich beim Willow Creek-Kongress, als 6.500 Leute inniglich Paul Gerhardts „Befiehl du deine Wege“ sangen.
Nun werfen manche der Lobpreiskultur vor, „manipulativ“ zu sein, weil sie Gefühle anspricht. Teilweise unterstellen Medienberichte sogar, die moderne Musik sei nur eine „Masche“, um junge Leute einzufangen. Was sagt ihr dazu?
Sarah: Schon als meine Stelle als Lobpreisleiterin online ausgeschrieben war, geriet das Vorhaben in die Kritik, weil Lobpreis ja „emotionale Manipulation“ sei … Ich versuche, nicht zu viel auf so etwas zu geben. Denn wenn jemand gar keine Offenheit mitbringt, um sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, kann man kaum eine konstruktive Diskussion führen. Ich bin, wenn es um das Thema Lobpreis geht, immer wieder mit Gegenwind konfrontiert und erlebe, dass viele, auch junge Menschen, dem voreingenommen gegenüberstehen.
Viktor: Ich versuche, dann auf eine Sprachebene zu gehen, die jeder versteht. Ohne viel frommes Vokabular.
Erik: Kritische Anfragen sind gut, wenn sie signalisieren, dass sich Menschen mit dem Thema auseinandersetzen. Ich habe aber auch noch nicht erlebt, dass ich in eine „rechte Ecke“ gestellt wurde oder mich mit Reportern herumschlagen musste. Aber auf die Sorge, Lobpreis könnte „manipulativ“ sein, musste ich auch schon reagieren. Ich versuche in der Anleitung und Integration von Lobpreis in der Gemeinde das uns vertraute Vokabular zu übersetzen. Warum stehen wir zum Singen auf? Würden wir das nicht auch tun, wenn ein Promi den Raum betritt, oder versuchen, dieser Person nahe zu kommen? Und dann verweise ich auf Bibelgeschichten und zeige, dass Lobpreis und Anbetungshaltungen keine neuen Erfindungen sind [„Mit Herzen, Mund und Händen“, S. 19-20]. Die Menschen freuen sich, wenn Jesus kommt! Was Begeisterung und Emotionalität angeht, verweise ich auf die in der Landeskirche weithin akzeptierte Gospelmusik; wenn es um die Wiederholung von Liedzeilen geht, auf Taizé. Und auch Bach hat musikalisch ganz selbstverständlich mit Emotionen gearbeitet, das war normal. Entscheidend ist, dass ich nicht manipulativ handle. Deshalb versuche ich in den Gemeinden, in denen ich aktiv bin, Lobpreis- und Anbetungsgottesdienste bewusst auch vor- oder nachmittags zu feiern – und nicht nur die klassischen Lobpreis- und Anbetungsabende, die häufig zusätzlich mit stimmungsvoller Lichttechnik arbeiten.
Guido: Kritik setzt ja an unterschiedlichen Punkten an. Manchmal geht es eher um das, was wir glauben. Oder um Querverbindungen zu einer politischen Haltung, die wir gar nicht teilen (aber der Kritiker hat vielleicht gelesen oder gehört, dass jemand anders das tut und dabei dieselben Lieder singt wie wir). Wenn das so ist, dann sollten wir das nicht „Kritik an Lobpreis“ nennen, sondern stattdessen ehrlich die Streitfragen in Theologie oder Politik ansprechen. Der Vorwurf, Lobpreis an sich sei manipulativ und beeinflusse Leute, ist ein sehr alter. Ich frage zurück: Was wäre die Alternative? Sollen wir auf Emotion und Begeisterung komplett verzichten? Solche Kirchen gibt es ja, und für manchen ist das das Richtige. In anderen Gruppen aber, die zum Beispiel durch Gospel begeistern, geht es auch um Emotion: Dort liegt die Emotion dann vielleicht eher im Zusammenhalt der Gruppe und in der Emotionalität des Singe-Erlebnisses, während die Liedtexte weniger emotional sind und auch die persönliche Jesusbeziehung für viele Gospel-Begeisterte ja oft gar nicht so entscheidend ist. Aber Emotion wird da auch großgeschrieben. Meine Rückfrage wäre dann aber: Woran möchte ich die Leute emotional binden? An eine bestimmte Gruppe? An einen charismatischen Chorleiter? Oder nicht doch lieber an eine Beziehung zu Gott, die auch unabhängig von der jeweiligen Gruppe trägt? Da liegt für mich die Chance von populärer Lobpreismusik. Gott erleben kann ich auch woanders im Lobpreisgottesdienst oder auf der „Mehr“-Konferenz … Musik kann nicht nicht manipulieren – es sei denn sie verzichtet komplett auf Emotionalität. Und wenn schon manipuliert wird, dann ist mir eine emotionale Bindung an Jesus oder an die Glaubenserfahrung lieber als eine emotionale Bindung an bestimmte Gruppen, Chöre oder Leiterpersonen.
Kommen wir zum Ende: Warum ist euch Lobpreis wichtig?
Guido: Weil ich möchte, dass die Kirche ein Ort ist, wo wir Gott begegnen und uns ihm gegenüber ausdrücken können: Lobpreis ist das jahrhundertealte Mittel, um das zu tun. Und weil die Hauptsache in der Kirche ist, dass Menschen zu Gott kommen und mit Gott in Kommunikation treten.
Viktor: Im Lobpreis berühren sich Himmel und Erde und das fasziniert mich.
Sarah: Mir ist Lobpreis wichtig, weil ich dadurch am besten meine Liebe zu Jesus ausdrücken kann.
Erik: Weil ich Gott die Ehre geben will und dies mit Menschen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Kultur tun möchte.
Vielen Dank für das Gespräch!
