Der zögernde Zweifler kommt in die Krise

Ein zielstrebiger Typ wird im Knast plötzlich unsicher. Johannes der Täufer, der kompromisslose Prediger, kommt am Ende seines Lebens ins Fragen. Henning Dobers nimmt ihn in einer vierteiligen Reihe zum Advent in den Blick. Letzter Teil: Der Zweifler befragt Jesus.

Profilbild Johannes der Täufer
Und es begab sich, als Jesus diese Gebote an seine zwölf Jünger beendet hatte, ging er von dort weiter, zu lehren und zu predigen in ihren Städten. Da aber Johannes im Gefängnis von den Werken Christi hörte, sandte er seine Jünger und ließ ihn fragen: Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten? Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt; und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert. 

Matthäusevangelium, Kap. 11, V. 1-6

Am Ende seines Lebens steht noch einmal alles infrage. Angesichts des nahen (Märtyrer-)Todes ist das mehr als verständlich. Auch ein starker Gläubiger wie Johannes der Täufer wird zuweilen von Verunsicherung geplagt. Der charismatische Influencer, der wilde Wegbereiter, der religiöse Rebell und kompromisslose Verkündiger: Auch er kommt in die Krise. Sein Leben lang hat er die Spannung ausgehalten, auf der Schwelle zwischen dem Alten und dem Neuen, der Gnade durch Jesus Christus, zu leben. Jetzt, wo sein Tod unmittelbar bevorsteht, will er noch einmal Klarheit haben. Er schickt seine Jünger und lässt fragen: „Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten?“ Jesus antwortet nicht direkt mit Ja oder Nein, sondern mit einer Beschreibung seiner messianischen Taten. Johannes ist eingeladen zu glauben und nicht zu zweifeln, dass sich vor aller Augen und Ohren die langersehnte Verheißung erfüllt („selig ist, wer sich nicht an mir ärgert“). Es fällt allerdings auf, dass Jesus im Unterschied zu seiner Antrittspredigt im Lukasevangelium (Kap. 4, V. 18) nun ein entscheidendes Detail bei der Aufzählung der messianischen Zeichen weglässt: „… zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen …“. Es wird ein Hinweis darauf sein, dass Johannes nicht mehr freikommen wird.

Kurze Zeit später wird Johannes die Intrige und der Zorn der Frau von König Herodes zum Verhängnis. Da war noch eine Rechnung offen:

Herodes hatte ausgesandt und Johannes ergriffen und ins Gefängnis geworfen um der Herodias willen, der Frau seines Bruders Philippus; denn er hatte sie geheiratet. Johannes aber hatte zu Herodes gesagt: Es ist nicht erlaubt, dass du die Frau deines Bruders hast. Herodias aber stellte ihm nach und wollte ihn töten und konnte es nicht. Denn Herodes fürchtete Johannes, weil er wusste, dass er ein gerechter und heiliger Mann war, und hielt ihn in Gewahrsam; und wenn er ihn hörte, wurde er sehr unruhig; doch hörte er ihn gern. Und es kam ein gelegener Tag, als Herodes an seinem Geburtstag ein Festmahl gab für seine Großen und die Obersten und die Vornehmsten von Galiläa. Da trat herein seine Tochter, die von Herodias, und tanzte, und sie gefiel Herodes und denen, die mit zu Tisch lagen. Da sprach der König zu dem Mädchen: Bitte von mir, was du willst, ich will dir's geben. Und er schwor ihr feierlich: Was du von mir bittest, will ich dir geben, bis zur Hälfte meines Königreichs. Und sie ging hinaus und fragte ihre Mutter: Was soll ich bitten? Die sprach: Das Haupt Johannes des Täufers. Da ging sie sogleich eilig hinein zum König, bat ihn und sprach: Ich will, dass du mir gibst, jetzt gleich auf einer Schale, das Haupt Johannes des Täufers. Und der König wurde sehr betrübt. Doch wegen der Eide und derer, die mit zu Tisch lagen, wollte er sie nicht abweisen. Und alsbald schickte der König den Henker hin und befahl, das Haupt des Johannes herzubringen. Der ging hin und enthauptete ihn im Gefängnis und trug sein Haupt herbei auf einer Schale und gab's dem Mädchen, und das Mädchen gab's seiner Mutter. Und da das seine Jünger hörten, kamen sie und nahmen seinen Leichnam und legten ihn in ein Grab. 

Markusevangelium, Kap. 6, V. 17-29


Kommen wir ins Gespräch!

  • Am Schluss seines Lebens und den nahen Tod vor Augen gerät Johannes noch einmal in eine Krise. Welche Glaubenskrisen kenne ich? Wie bin ich damit umgegangen und was hat geholfen? Habe ich Antworten von Gott bekommen?
  • Gibt es unbeantwortete Fragen, die mich gegenwärtig belasten?
  • Jesus antwortet nur indirekt auf die Frage des Johannes. Warum antwortet er in dieser Form und mit diesem Inhalt?
  • Als Jesus von Johannes’ gewaltsamem Tod erfährt, zieht er sich zurück an einen einsamen Ort („Als das Jesus hörte, entwich er von dort in einem Boot in eine einsame Gegend allein.“ – Matthäusevangelium, Kap. 14, V. 13). Was könnten die Gründe dafür sein?

Bibelstellen nach: Luther (2017)

Der Beitrag erschien unter der Überschrift „Johannes der Täufer: Auf der Schwelle zwischen gestern und morgen“ in der aktuellen GEISTESGEGENWÄRTIG „Schwellenzeit“.

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Henning Dobers

Henning Dobers ist Pfarrer und 1. Vorsitzender der GGE Deutschland.

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