Wir beginnen so vieles zu verstehen

GGE-Blog Ukraine, Teil 4: Wo die Ökumene ein Weg bleibt und wie sie das Selbstverständnis der Ukrainer tiefer begreifen, berichtet Hans-Joachim Scholz vom zweiten Tag der Reise.

Ukraine Fresko

Hans-Joachim Scholz ist seit Sonntag mit einer kleinen Delegation im Westen der Ukraine in der Region Uzhgorod (sprich „Uschgorod“) unterwegs und berichtet diese Woche täglich auf dem Blog. Mit ihm reisen Alfred Schuster, Michael Prinz zu Salm-Salm und Pavol Strezo aus der Slowakei.  Dahinter steht der mit seiner Frau Rita gegründete GGE-Versöhnungsdienst „S’ Lamm“. Parallel starten sie eine Gebets-Initiative für die Ukraine, ihre Nachbarländer und Deutschland.

Mittwoch, 8.2.2023. Gemeinsame Schritte der Ökumene, tiefe Fragen, berührendes Gebet. In Lwiw weitreichende Erkenntnis zur Identität der Ukraine.

Gestern um 9 Uhr: Wir sind zu Video-Interviews für die messianische Gemeinde KEMO Kiev verabredet (engl.: KJMC – Kiev Jewish Messianic Congregation, auf Youtube auch mit einem engl. Kanal; Berichten zufolge eine der weltweit größten messianischen Gemeinden): Unser Besuch hier soll unseren Gesprächspartnern zeigen, dass wir nahe zu ihnen kommen und mit ihnen im Gebet vor Gott stehen wollen. Wir möchten hören, wie und wofür wir beten sollen. Wir glauben, dass unser Vater im Himmel uns hört und antwortet. Wenn zwei einig werden in ihrem Bitten, wird Hilfe kommen, sagt Jesus. „Zwei“, das sind unsere ukrainischen Geschwister und wir.

Um 10 Uhr: Begegnung mit griechisch-katholischen Priestern und messianischen Leitern sowie dem ungarisch-reformierten Pfarrer in ihrem Seminar. Nach der Vorstellungsrunde – wir sind 36 Männer und eine Frau – wird schnell deutlich: Die meisten wissen nicht, was messianische Juden sind und welche Herausforderung darin besteht, sie sowohl als jesusgläubig als auch als Juden anzuerkennen. Wenn wir um Frieden beten, brauchen wir auch gegenseitige Wertschätzung unter uns Jüngern Jesu, damit die Welt glaubt (wie Jesus im Johannesevangelium gebetet hat: „Ich bitte aber (…), dass sie alle eins seien (…), auf dass die Welt glaube, dass du mich gesandt hast“; Kap. 17, V. 20-21).

Worin wir uns einig sind: um ein Ende des Krieges und um Frieden zu beten. Dabei ist es wichtig, die tiefen Wunden zu heilen und die vielfältigen Ursachen des Unglaubens zu überwinden. 

Die angesprochenen theologischen Fragen nach dem Verhältnis von Christen und Juden sowie bezüglich der Versöhnung brauchen mehr Zeit, sodass ihnen vielleicht eine weitere Begegnung gewidmet werden sollte. Äußerst bewegend war für alle das gemeinsame freie Gebet, zu dem wir ohne weitere Umstände vor unseren Stühlen auf dem Boden knieten. Beim Stehimbiss hatten wir sehr persönliche Gespräche, zum Beispiel mit Sergej, der sich freiwillig als Militärseelsorger für die Front bei Luhansk gemeldet hat. 

14 Uhr: Wir fahren über die verschneiten Karpaten nach Lwiw – Lemberg. 

19.30 Uhr: Begrüßung und Abendessen bei der katholischen Gemeinschaft „Lebendiges Feuer“. Die sechs Leiter der Gruppe von 60 jungen Erwachsenen gehören zur charismatischen Bewegung und stehen eng zusammen mit der jungen messianischen Gemeinde in der Stadt, die eine Tochtergemeinde von KEMO Kiev ist.


Im Laufe des Gesprächs notiere ich folgende Gebetsanliegen: 
1. für Erweckung mitten im Krieg, 
2. für Rettung von der Macht des Hasses, 
3. für Versöhnung mit Gott und Heilung der Herzen, 
4. dafür, dass die Gläubigen eine Einladung zum Glauben sind für die anderen, 
5. für die Soldaten um übernatürlichen Schutz, 
6. für die Frauen daheim und die Kinder und Alten, 
7. für die in Sicherheit, dass sie sich nicht schuldig fühlen und nervös.

Sie berichten uns: Viele Flüchtlinge der ersten Kriegsmonate waren auf der Durchreise in Lwiw, einige melden sich später wieder. Viele Menschen sind absichtlich geblieben und es war ein Segen, beispielsweise Franziskanerbrüder, die nach Polen hatten gehen können. Sie haben alles so normal wie möglich weitergeführt: Gebete, Jugendstunden, arbeiten … Es gab auch mal Luftalarm auf dem Handy – aber natürlich nur, wenn man Internet hatte.

Uns drei älteren Deutschen – Alfred Schuster, Michael Prinz zu Salm-Salm und mir – wird allmählich bewusst, dass wir, ohne es zu merken, all die Jahre übersehen haben, welche eigene Identität die Ukraine gegenüber Russland hat. Wenn wir von Versöhnung mit Russland gesprochen haben, haben wir gemeint, die Ukraine sei darin inbegriffen. Wir haben das als unser Versäumnis ausgesprochen, als unsere Schuld, und haben diese jungen Geschwister um Vergebung gebeten. Sie haben uns gesegnet und ermutigt, mit ihnen auf Gottes Schutz und Hilfe zu vertrauen. 
Ja, für uns war es eine wirkliche, entschlossene Hinwendung zur Ukraine und ihrem Volk, als wir miteinander um die Einheit im Heiligen Geist gebeten haben. 


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Hans-Joachim Scholz

Hans-Joachim Scholz ist Pfarrer in der badischen Landeskirche und seit Kurzem im Ruhestand. Er und seine Frau Rita leiten den GGE-Dienst „Kirche und Israel“, weil beides für sie unbedingt zusammengehört.

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Ein Gedanke zu “Wir beginnen so vieles zu verstehen

  1. Danke, dass Ihr Euch aufgemacht habt um die Geschwister zu stärken und ein realistischeres Bild von der Situation im Land zu haben. Seid weiterhin bewahrt und gesegnet Lorenz

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